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The Headwinds - Handlung

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Zladune

27, Weiblich

  11. Ghostwriter

Neuling

Beiträge: 1132

Re: The Headwinds - Handlung

von Zladune am 22.10.2022 23:45

Es war auf gewisse Weise bizarr, wie erleichtert man nach einem einzigen, leisen Anknurren sein konnte. Es hatte beinahe einen beruhigenden Effekt auf ihn. Der Anflug eines kleinen, vorsichtigen Lächelns huschte über Notos' Miene, als er die ihm inzwischen wohl bekannte Äußerung von Nirahs mürrischer Unzufriedenheit vernahm. Das war ihm schon lieber. Bissige Kommentare, genervtes Schnauben, feindselige Blicke... damit konnte er deutlich besser umgehen als mit einer von Furcht geprägten Haltung. Als er aus dem Augenwinkel bemerkte, wie ihre verschreckte Ausstrahlung langsam abzuflauen begann, traute er sich sogar, wieder etwas den Kopf zu heben.

Nur um die Heilerin letztendlich bei den darauffolgenden Worten doch direkt anzusehen. Dezente Verwirrung prägte seine Züge, wandelte sich bald jedoch zu verhaltener Verlegenheit. Seine Tätowierung war am Leuchten gewesen. Und es sieht hübsch aus. Hatte Notos zuerst nur überrascht die Brauen in die Höhe gezogen, so schmunzelte er nun befangen, rieb sich dabei unsicher den Nacken. Lachte leise, zurückhaltend auf. „Nun... ich werde das Kompliment an meinen Freund weitergeben." Vernon hätte Luftsprünge gemacht, wenn er Nirah jetzt gehört hätte. Oder zumindest das breiteste, stolzeste Grinsen der Welt zur Schau gestellt. Sein begabter Freund hatte bei der Erstellung dieses Tätowierung die größte Mühe und Sorgfalt an den Tag gelegt. Mehr noch, als er es sowieso schon bei seinen Kunstwerken tat. Ihm lag aus unerfindlichen Gründen sehr viel daran, war von der Idee von Anfang an hellauf begeistert gewesen.

Im Gegensatz zu ihm. Notos konnte sich noch gut daran erinnern, wie er sich davor gescheut hatte, Vernon von diesem Motiv zu erzählen. Wie bedächtig er ihm den Grund dafür erläutert hatte. Zögerlich, nicht fähig dazu, die richtigen Worte zu finden. Sich sehr wohl bewusst, dass das ganze Bild seltsam und fehl am Platz wirken musste. Unpassend für ihn, untypisch für einen Drachenritter. Vernon hingegen hat nur gestrahlt. Seine Augen haben sein inneres Feuer aufgefangen und widergespielt – auch wenn er kurz gewirkt hatte, als wolle er voller Rührung in Tränen ausbrechen. Dann setzte er jedoch von einem Moment auf den anderen eine todernste Miene auf. Als hätte man ihm die wichtigste Mission seines Lebens gegeben. Alleine die Erinnerung brachte Notos zum Schmunzeln. Vernon hatte schon immer einen Hang für Dramatik gehabt. Aber eines musste man ihm lassen: Sein Enthusiasmus war ansteckend. Und er war wirklich schwer von etwas abzubringen, wenn er es sich einmal in den Kopf gesetzt hatte.

Allerdings, die Schönheit von den Meisterwerken seines künstlerischen Freundes hin oder her, es war kein Grund, diese einfach anzufassen. Auch wenn sie scheinbar während der Behandlung ein wenig geleuchtet haben. Hatte er sich das Pulsieren also doch nicht eingebildet. Nirahs Heilkünste mussten wohl auf irgendeine unerklärliche Art und Weise einen Einfluss auf den feinen Edelsteinstaub in den Tätowierungen oder den Energiefluss seines Körpers gehabt haben. Momentan jedoch hatte er weder den Nerv noch die dafür benötigte Konzentration, um sich mit diesem Mysterium auseinanderzusetzen.

Notos war bereits im Inbegriff, zum Sprechen anzusetzen und der Rothaarigen in einem ruhigen, sanftmütigen Ton genau dies nochmal zu erläutern. Dass er ihre Neugierde verstand, aber selbst diese ihre Grenzen hatte. Jedoch kam ihm seine Begleiterin zuvor, gestand sich nach einem Zögern ihren kleinen Fehltritt selbst. Und auch wenn er bei der Erwähnung, dass ihn keine Schuld traf, erst protestierend die Luft einsog, kam kein Wort über seine Lippen. Stattdessen senkte er nur abermals verhalten den Blick, gab ein knappes Nicken von sich. Sie würde es ohne seine Erlaubnis nicht nochmal tun. „Dafür wäre ich dir sehr dankbar", meinte er leise, aber ehrlich.

Der eigenartigen, unbehaglich werdenden Stille, die sich abermals zwischen sie zu drängen versuchte, wurde schnell Einhalt geboten. Erneut von Nirah, die sich ein missmutiges Tadeln nicht nehmen ließ. Notos unterdrückte ein Schmunzeln, lächelte nur stumm. Ja, ja sie hatte ihm gesagt, er solle sich nicht unnötig bewegen. Allerdings war sein Ausflug nötig gewesen. Ihm wäre hier ansonsten das Dach auf den Kopf gefallen.

 

Seine Heilerin schien anderer Meinung. Er erwiderte das aufgebrachte Funkeln in Neelas Augen wie immer mit einem gutmütigen, arglosen Lächeln. Moment. Was? Warte. Notos runzelte verwirrt die Stirn. Nicht Neela. Nirah. Wie hatte er es überhaupt geschafft, die beiden zu vertauschen? Nirah war seiner Schwester in keiner Hinsicht ähnlich. Gut, vielleicht vereinzelt, in einigen wenigen Aspekten. Aber das war zu wenig, um... es musste wohl gerade an der Ausstrahlung gelegen haben.

Zu weiteren Grübeleien wäre er sowieso nicht gekommen. Besagte Person drückte ihm nämlich einfach einen Fleischspieß in die Hand und ließ ihn verdutzt stehen. Er hatte kaum Zeit, ein leicht überfordertes „Danke" von sich zu geben, da kehrte die Heilerin sogleich wieder zurück. Um seinen Ring zurückzugeben. Ein amüsiertes Schmunzeln kämpfte sich auf sein Gesicht. Immerhin schien er nicht der Einzige hier zu sein, der etwas durch den Wind war. Dabei würde er den Ring sowieso nicht gleich anziehen. Nicht ohne Reinigung und solange sich noch Nirahs Spuren darauf befanden. Sie hätte ihn genauso gut noch für eine Weile behalten können.

Als sich die Rothaarige abermals umdrehte, war er bereits dabei, noch einen Schritt zurückzutreten, damit sich die Heilerin nicht an ihm vorbeidrängen musste. Doch seine Begleiterin blieb überraschenderweise diesmal vor ihm stehen. Gab ihm noch ein paar Informationen und Ratschläge. Notos zog leicht die Brauen zusammen. Nebenwirkungen? Auf die konnte er gut verzichten. Aber er würde darauf verstärkt Acht geben. Und was die andere Sache mit dem Schonen anging.... Ein verschmitztes Grinsen stahl sich auf seine Lippen, wenngleich ein wenig vorsichtiger und kleiner als gewohnt: „Nun, ich kann die Bitten einer Dame wohl schlecht ignorieren, nicht wahr?".

Beinahe wirkte die Atmosphäre zwischen ihnen wieder wie zuvor. Fast. Nur das Nirah sich bisher eigentlich ausgesprochen selten zu solchen freundschaftlichen Sticheleien wie dieser verleiten ließ. Wie von selbst wanderte seine Hand in Richtung der Blumen, über die seine Begleiterin scherzte. Erwiderte ihren amüsierten Ausdruck mit einem warmen Schmunzeln. Das Grinsen, so gut sie es auch verstecken wollte, hatte er sehr wohl gesehen. Die nächsten Worte waren über seine Lippen gekommen, noch bevor er wirklich über sie nachdenken konnte. „Und du solltest öfter lächeln. Es steht dir." Anders als bei Nirah schwang jedoch kein Spott in seiner Stimme mit. Sein eigenes, sanftes Lächeln spiegelte nichts als pure Aufrichtigkeit wider.
Noch für ein paar weitere Augenblicke sah er der Heilerin nach, bevor sich der Korb in seinen Händen regte. Jasper machte auf sich aufmerksam, begann mit der Pfote nach dem Fleischspieß auszuholen. Notos lachte belustigt auf: „Ist ja gut, ist ja gut. Ich geh ja schon."

Kaum hatte er den Korb in seinem Zimmer abgesetzt, kletterte der kleine Drache heraus, stieß sein Transportmittel dabei um. Fixierte das Abendessen, welches ihm bevorstand. Welches ihm sein Gefährte aber nicht geben wollte. Nicht zumindest, bevor er abermals ein kleines Tuch auf dem Tisch ausgebreitet hatte und darauf das Fleisch legte. Wohl als Ersatz für einen Teller. Notos selbst hingegen sammelte erst seine Funde auf, bevor er sich mit ihnen auf das Bett setzte. Beobachtete seinen Partner schmunzelnd dabei, wie er alles verschlang. Seiner eigene Mahlzeit wandte er sich jedoch noch nicht zu. Zuerst berührte er mit einer Hand sein silbernes Medaillon. Bedankte sich stumm bei den Göttern. Nach einem kurzen Zögern auch knapp bei der heiligen Mutter. Tat man das hier? Er würde Nirah fragen müssen.

Doch selbst danach aß er nur langsam, einen Löffel nach dem anderen. Machte dazwischen viele Pausen, in denen er die aufgesammelten Materialien sortierte. Damit begann, die Lederbänder und stellenweise sogar die Verbände um die Äste zu wickeln. Mithilfe seiner Waffen vorsichtig Löcher an den ein oder anderen Stellen zu bohren. Auch wenn jede Unterbrechung ihn zunehmend daran erinnerte, wie groß sein Hunger wirklich war. Sein Magen zog sich jedes Mal aus Protest schmerzlich zusammen, wenn er ihm einen weiteren Löffel verwehrte. Aber genau dies war auch der Grund, warum er sich so viel Zeit mit dem Essen ließ. Wenn er jetzt alles auf einmal verdrücken würde, würde mit Sicherheit eine Quittung in Form von Übelkeit folgen. Auch wenn der Eintopf wirklich gut war. Wenn es nicht auch so noch recht schwül draußen wäre, hätte er höchstens vielleicht noch ein paar der Feuerbeeren reingeworfen. Die würden sicherlich hervorragend den Körper von innen wärmen.

Fast schon mit einer gewissen Betrübtheit betrachtete Notos die inzwischen leere Schüssel. Nirahs Angebot, sich noch eine zweite Portion zu holen, ging er jedoch nicht nach. Auch wenn er sie sicherlich willkommen heißen würde. Aber das konnte er sich nicht erlauben. Er würde sich ihr nicht mehr aufbürden als nötig. Wollte das zarte Band des wiedererstellenten Friedens zwischen ihnen nicht strapazieren. Mit einem lautlosen Seufzen stand er auf, stellte die Schüssel auf den Ablagetisch. Erlangte beim Vorbeigehen das Interesse von seinem Partner, der ihn erst schief anschaute, dann den zur Hälfte gefressenen Spieß auf das Tuch legte. In seine Richtung schob. Notos lächelte gutmütig winkend ab, trat stattdessen nach draußen. Dieses Mal benutzte er jedoch nicht das Fenster, sondern die Eingangstür – und sah somit sofort Nirah, wie sie an der Feuerstelle Wache hielt. Beinahe ertappt hielt er inne. Schenkte ihr ein verhaltenes Lächeln. Und verschwand mit eiligen Schritten hinter dem Haus. Nur, um keine Minute später mit drei kleineren Holzscheiten wieder in seine Hütte zu laufen. Und sich dort wieder an die Arbeit zu setzen.

Während Notos noch das letzte ihm vergönnte Licht der Abenddämmerung nutzte, um mit seiner Nadel vorsichtig feine Löcher in die Schneckenhäuser zu bohren, war auf dem Gang ein leises Schaben zu hören. Dann ein lauteres Scheppern, auf die eine kurze Pause folgte. Bevor erneut ein Klappern einsetzte. Jasper hatte inzwischen die Türschwelle überschritten. Zog mit sichtlicher Mühe tapfer die Tonschüssel hinter sich her. Immer wieder rutschten seine Zähne an dem Rand ab, aber der kleine Drache ließ sich davon nicht beirren, biss sich erneut entschlossen daran fest und schleifte die Schale bis zu dem Lagerfeuer. Plusterte sein Gefieder irritiert auf, bevor er sich setzte. Mit einem scharfen Blick den Topf mit dem restlichen Essen anvisierte. Dann den Kopf schief legte und das Gestell analysierend musterte. Wie würde er wohl am einfachsten an Futter für sich und seinen Partner kommen....



Antworten Zuletzt bearbeitet am 23.10.2022 23:24.

Saphyr

26, Weiblich

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Neuling

Beiträge: 1066

Re: The Headwinds - Handlung

von Saphyr am 21.10.2022 17:29

Nirah balancierte das Essen in einer Hand und drückte die Tür der Hütte vorsichtig auf. Der Eintopf schwappte sacht in der Schüssel hin und her. Fleisch und Gemüse schwammen an der Oberfläche. Einige Tropfen Fett rannen an der Fasanenkeule herab, hinterließen glänzende Spuren am Spieß. Der Duft von beidem wehte ihr um die Nase. Wäre sie nicht gut gesättigt, käme sie in Versuchung, ein Stück abzubeißen. Vielleicht würde sie sich später noch eine Schüssel nehmen. Es blieb abzuwarten, wie viel übrigblieb. Nachdem Notos seinen Hunger gestillt hatte. Im Gegensatz zu ihm hatte Nirah vorhin schon eine Kleinigkeit gegessen. Er musste sehr hungrig sein. Die Mahlzeit gestern Abend hatte sich aufgrund eines gewissen blauäugigen Verfolgers in Grenzen gehalten. Sie würde sich trotzdem sehr wundern, falls er den Topf leerte. Es war viel, etwas zu viel für zwei Menschen. Und ein kleines, katzenähnliches Wesen. Ob Sir Jasper wohl auch Eintopf zu sich nehmen würde? Vermutlich nicht. Was übrig blieb, könnten sie auch noch morgen essen.

Sie ertappte sich dabei, grobe Pläne für Essen und Versorgung für mindestens drei weitere Tage zu machen. Dabei hoffte sie, dass ihr Arrest hier hinten sich möglichst kurz gestaltete.
Musste sie hierbleiben, bis Notos vollständig gesund war? Bis ihr Bein verheilt war?
Sie gab zu, es war ruhig, so abgeschnitten vom Rest des Dorfes. Niemand kam hierher. Höchstens der alte Weißhaar oder ein Jüngling, der ihnen Verpflegung brachte. Ihr gefiel nur nicht, ihrer Freiheit beraubt worden zu sein. Nicht tun und lassen zu können, was sie wollte.
Sie wäre gerne in ihrer eigenen Behausung. Sie war winzig und hatte wenig Platz für Habseligkeiten, ja. Trotzdem war es momentan ihr Zuhause. Der Ort, wohin sie sich zurückziehen konnte, der Sicherheit und Geborgenheit bot. Wie gerne hätte sie sich nach dem Essen in ihrem eigenen Bett vergraben. Zwischen den weichen, ausgefransten Decken, die teilweise aus der Hand ihrer Mutter stammten. Weit weg von Menschen. Von Notos. Seiner Mischung aus nervtötender Albernheit und erschreckendem Ernst. Seinen Augen und was sie bedeuten mochten. Von allem. Sich nur den Stoff über den Kopf ziehen und verschwinden.


Selbst wenn es ihr erlaubt wäre, sie konnte ihren Patienten die nächste Zeit nicht ganz alleine lassen. Bald sollte die Wirkung des Heilrituals für ihn spürbar werden. Und sie hatte keine Ahnung, wie heftig sein Körper darauf reagierte. Bei einer normalen Vergiftung hätte sie auf Erschöpfung, Fieber, vielleicht auch Übelkeit getippt. Wie schwer kam ganz auf den Fall und den Patienten an. Nur, dass diese Vergiftung scheinbar durch Magie erzeugt worden war. Und sie überhaupt nicht wusste, ob sie sich wirklich wie eine Vergiftung verhielt. Eigentlich wusste sie gar nichts darüber.

Der Ring in ihrer Tasche erinnerte sie immer wieder an die Vorsicht, zu der Notos sie im Umgang mit der Verletzung aufgerufen hatte. Sie hatte ihn erst bemerkt, nachdem sie aus der Hütte geflüchtet war. Seitdem trug sie ihn mit sich herum. Nicht am Finger, das Risiko ihn zu verlieren war zu hoch. Beinahe hätte sie ihn aus Gewohnheit zusammen mit den anderen Steinen in den Behältern voller Erde versenkt. Sie musste ihn zurückgeben. Vorhin hatte sie aber nicht umdrehen wollen, um den verärgerten Krieger erneut aufzusuchen.
Sollte seine Vorsicht ein Anhaltspunkt dafür sein, wie stark die Begleitsymptome der beschleunigten Heilung ausfallen würden ... Dann war ein Mindestmaß an Vorsicht geboten. Nicht, dass sie jemals einen Patienten nach solch einem Ritual alleine ließ.

Ginge es nur um das Abendessen, hätte Nirah länger gebraucht, bis sie zu Notos gegangen wäre. Wahrscheinlich hätte sie nach ihm gerufen, wäre gar nicht zu ihm hinein. Die Erinnerung an seine Reaktion erzeugte ein Gefühl von Widerwillen. Dieser Blick ... Es fiel ihr schwer es zuzugeben, aber es gefiel ihr besser, wenn er das dämliche Grinsen nicht aus dem Gesicht brachte. Und verhalten lachte. Oder redete. Vieles war besser als ein eisiges Schweigen, welches deutlich signalisierte, dass sie unerwünscht war. Gleichgültigkeit beispielsweise, genervtes Augenrollen und herablassende Belustigung, sogar Spott. Alles Dinge, mit denen sie umgehen konnte. Die sie selbst verwendete. Wirkte Wunder, um andere auf Abstand zu halten.
Allerdings wiegte die Verpflichtung mehr als das nervöse Flackern in ihrem Magen. Deshalb lief sie entschlossenen Schrittes auf seine Zimmertür zu und klopfte. Keine Reaktion. Vielleicht schlief er?
Sie wartete nicht lange, zögerte nur einen Moment, um Luft zu holen und trat ein.

Das Zimmer war ... leer? Noch einen verwirrten Schritt. Das Fenster war weit offen. Das leise Rauschen von Blättern in der warmen Abendbrise drang hindurch. Von Notos fehlte jede Spur. Wie auch von ihrem Korb und Sir Jasper. Er ist abgehauen. Du hast ihn vertrieben. Gut gemacht. Wieso stand dann dort noch seine ... Weiter kamen ihre Gedanken nicht.
Nirahs Körper spannte sich sofort fluchtbereit an, als ihr Name erklang. Ein leiser Laut des Erschreckens. Der Eintopf schwappte gefährlich nahe an den Rand der Schüssel. Sie konnte sich gerade noch zurückhalten, nicht wie wild herumzuwirbeln. Die Stimme war bekannt, nicht gänzlich unerwartet. Aber aus der falschen Richtung.

Vor ihr stand, wie gedacht, Notos. Direkt vor ihr. Wieso hatte sie ihn nicht eher gehört? Sie starrte ihn halb aufgescheucht, halb verärgert an. Suchte sofort nach einem Anzeichen von Wut oder Bedrohung an ihm. Sah hektisch einmal rechts und links an ihm vorbei. Machte gleichzeitig einen Schritt zurück, von ihm weg. Fand jedoch nichts dergleichen. Im Gegenteil, er war bereits auf dem Rückzug. Als flüchtete er vor ihr. Ihr Herz pochte noch immer lauter als es sollte. Was hatte dieser Mann bloß mit seiner Angewohnheit, sie zu erschrecken?

Einen Moment lang standen sie sich wortlos gegenüber. Etwas passte nicht so recht in das Bild, das sie erwartet hatte. Während Nirahs Haltung noch vom Schreck und vorsichtigem Misstrauen geprägt war, schien er ... fast scheu? Er sah sie jedenfalls nicht an. Es irritierte sie ein wenig, dass er tatsächlich die ihr wohlbekannte Farbe trug. Nun, zur Hälfte. Noch seltsamer war allerdings die Blume neben seinem Gesicht. Die Kombination gab seinen Zügen den Anflug von Weichheit und ... einer Zerbrechlichkeit, die sie dort nicht sehen wollte. Ließ ihn jünger wirken. Verwirrt legte Nirah den Kopf schief. War er am See gewesen? Dort wuchsen diese Blumen.

Sie erkannte den Korb in seiner Hand, als sich etwas darin bewegte. Ein Kopf lugte hervor, entpuppte sich als Sir Jasper. Dessen Federn zur Hälfte von irgendwelchen Dingen bedeckt war, die bei seinen Bewegungen an ihm herab rutschten. Goldene Augen fixierten einen bestimmten Punkt. Nirah schwenkte ihre Hand ein wenig zur Seite. Der Blick folgte. Unwillkürlich lächelte sie. Da hatte jemand Hunger.
Als sie aufsah, fand sie ihre eigene Erheiterung in dem Gesicht ihr gegenüber wieder. Einen eigenartigen, stillen Moment lang.

Dann wurde er durchbrochen von Notos' Augen, die die ihren suchten. Sie sofort wie erstarrt verharren ließ. Und einer Geste, die ... deplatziert wirkte. Nirah schüttelte sacht den Kopf. Wofür entschuldigte er sich? Oder besser: Wieso entschuldigte er sich mit solcher Vorsicht? Er hatte keinen Grund dazu. Trotzdem sorgte es dafür, dass ein Teil der Anspannung aus ihren Muskeln wich. 
"Lass das." knurrte sie ihn leise an. Doch er war noch nicht fertig, redete einfach weiter. Sie folgte seiner Hand mit den Augen, während er auf die nun versteckte Stelle deutete. Also war es tatsächlich die Tätowierung, auf die er so sensibel reagiert hatte. "Ich ..." fing sie an. Der Rest des Satzes wollte ihr nicht über die Lippen kommen. Sie war nicht gut im Entschuldigen. "Es hat geleuchtet." rechtfertigte sie sich stattdessen. "Und es sieht hübsch aus." fügte sie leiser hinzu. Ungeplant. Rutschte einfach heraus. 

Ein Seufzen bahnte sich einen Weg nach außen, die Augen kurz geschlossen. Sie hatte noch das Gefühl, dass irgendeine Reaktion von ihr erwartet wurde. Wenn er sie schon so direkt darauf ansprach. Ansonsten hätte sie wohl nie wieder davon geredet.
"Du hast nicht zu harsch reagiert. Ich hätte das nicht machen sollen. Wird nicht wieder vorkommen, Donnerschwinge." presste sie schwach hervor und drehte sich weg, ging in den Raum hinein. Die heiße Schüssel stellte sie auf derselben Ablage ab, wo vorhin die Räucherschale gestanden hatte. Gab sich so einige Sekunden Zeit, in der sie nicht mit Notos interagieren musste. Kühlere Luft wehte ihr um die Knöchel, erinnerte sie daran, dass das Fenster weit offen war.

"Hatte ich nicht eigentlich gesagt, du sollst dich nicht mehr als nötig bewegen?", brummte sie in einem strengen Ton gegen die Wand, ohne eine Antwort darauf zu erwarten. Das Fenster, die Äste, der Korb ... Er hatte sich wirklich davon geschlichen. Wie lange war er unterwegs gewesen? Wenigstens ist er zurückgekommen.
Als sie sich ihm das nächste Mal zuwandte, funkelte deutlich der Ärger in Nirahs Blick. Überdeckte den Hauch von Sorge, weil er sich nicht an ihre Anweisungen gehalten hatte. Doch sie unterdrückte den Drang, ihn noch einmal zur Ruhe zu gemahnen. Das änderte nichts, oder? Notos war der eigenwilligste Mensch, der ihr je untergekommen war. 

"Du solltest etwas essen. Falls es nicht reicht, draußen ist noch mehr. Nimm so viel, wie du willst." verkündete sie. "Hier bitte. Für Sir Jasper." Nirah streckte ihm den Fleischspieß entgegen. Damit huschte sie an ihm vorbei aus dem Zimmer, war schon beim Ausgang als sie auf der Stelle umdrehte und zurücklief. Wieder in sein Zimmer, wo sie den Ring neben die Schüssel auf die Ablage legte. Sie murmelte ein "Fast vergessen." Dieses Mal blieb sie kurz stehen, musterte Notos. 
"Ich bin draußen oder in der anderen Hütte, falls du etwas brauchen solltest. Melde dich bei mir, wenn etwas ist. Ich werde aber auch immer wieder nach dir schauen. Du wirst mit Sicherheit Nebenwirkungen von der beschleunigten Heilung haben. Das ist ganz normal. Versuch dich etwas zu schonen. Keine weiteren Ausflüge zum See. Bitte?" sagte sie ernst. "Ach und es würde deinem grimmigen Ausdruck guttun, wenn du das nächste Mal auf die Blumen verzichtest. Zerstört etwas die Wirkung." spottete sie mit dem Anflug eines Grinsens. Der Versuch von Wiedergutmachung, der Wiederherstellung von so etwas wie einer entspannten Atmosphäre.
Abrupt ging sie auf den Ausgang zu, drückte sich abermals an Notos vorbei und wollte ihren Patienten wieder allein lassen. Vorerst. 


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Antworten Zuletzt bearbeitet am 22.10.2022 00:45.

Zladune

27, Weiblich

  11. Ghostwriter

Neuling

Beiträge: 1132

Re: The Headwinds - Handlung

von Zladune am 20.10.2022 02:09

Es schien nichts zu geben, was Notos in diesen Momenten eine einzige weitere Reaktion entlocken konnte. Weder als Nirah plötzlich einen Satz nach hinten machte, während er sich aufrichtete. Noch der donnernde Aufprall des Stuhls, der unmittelbar darauf folgte. Eher im Gegenteil. Die Augen leicht zusammengekniffen verharrte sein scharfer Blick umso mehr auf jeder noch so winzigen Bewegung der Heilerin, visierte sie geradezu an. Stutzte kurz. Irrte er sich, oder...

Seine Hand löste sich diesmal erst von der dunklen Lederummantelung seiner Schwertscheide, als erneut Anweisung erklangen. Nirah war noch nicht fertig. Natürlich. Mehr als ein leises Murren erhielt sie als Antwort jedoch nicht. Lediglich ein Hinweis verriet noch, dass er ihre Worte zur Kenntnis genommen hatte. Er erschien in Form einer kleinen Hilfestellung, indem er seine Arme ein wenig anhob. Auch den, mit dem er davor beinahe schützend seine Brust verdeckt hatte. Damit sie leichter an seine Wunde kam. Ihre Behandlung früher abschließen und somit ebenfalls danach schneller wieder verschwinden konnte.

Den Kopf hatte er dabei allerdings abgewandt, vermied es, sie direkt anzusehen. Es war ihm nicht entgangen. So flüchtig der Moment auch gewesen war. Der kurze Anflug an Angst in ihren Augen. Er hasste es. Wollte es ausgerechnet bei ihr nicht sehen. Aber diese Erkenntnis konnte ihn nicht dazu bringen, seine angespannte Haltung fallen zu lassen. Oder ihr gar zu folgen, als Nirah wirklich nach ein paar weiteren knappen Erklärungen geradezu aus dem Zimmer stürmte. Mit seinem Ring, wohlbemerkt. Ein kleiner Teil von ihm wollte ihr dennoch nach. Ihr zumindest anbieten, dass er beim Kochen aushelfen konnte. Ihr Dinge reichen konnte, damit sie nicht zu viel laufen musste. Er erstickte diese Gedanken noch im Keim.

Stattdessen stand er endlich vom Bett auf, ging raschen Schrittes zum Fenster, um die dort befestigte hölzerne Klappe mit einem Ruck aufzuschwingen. Sofort strömte ihm frische Luft entgegen, ließ ihn tief aufatmen. Dann drehte er sich abrupt um. Streifte mit einem fahrigen Blick das Zimmer, bevor er mit einem Griff den Hocker aufrichtete. Die verhedderten Lederbändchen aus dem Korb holte und zu entknoten begann. Alle seine Bewegungen wirkten mehr träge und abwesend als aufgewühlt. Wenngleich sich ein schwer zu unterdrückender Drang dahinter verbarg. Er musste einfach etwas tun.

Jasper hatte sich nach dem Abgang der Rothaarigen wieder auf dem Schrank verkrochen, wo er nun die Bemühungen seines Partners mit großer Skepsis verfolgte. Nach wenigen Minuten wurde sein Anstarren bemerkt und erwidert. Der kleine Drache wich den blauen Augen jedoch nicht aus. Selbst dann nicht, als sich eine Hand in einer fordernden Geste in seine Richtung bewegte, begleitet von der Frage: „Zumindest das Oberteil?" Die erdfarbenen Federn plusterten sich ablehnend auf. Woraufhin ein müdes Lächeln auf Notos' Zügen erschien. „Du willst mich jetzt wirklich nicht reizen, alter Freund." Jasper legte den Kopf schief. Musterte seinen Gefährten lange, bevor er verschwand. Ein Rascheln war zu hören, dann tauchte der katzenartige Kopf wieder auf. Zwischen den Zähnen, der helle Stoff eines Ärmels.

Mit tapsigen, unbeholfenen Schritten und einiges an Mühe hob der Drache ab, drehte einen Kreis über seinen weißhaarigen Menschen – und stürzte ohne Vorwarnung auf diesen herab. Notos fing seinen Partner auf, ohne sich dabei einem warmen Schmunzeln erwehren zu können. Welches nur an Intensität gewann, als Jasper seine Beute fallen ließ, stattdessen leicht die Zunge rausstreckte. Doch je länger er den kleinen Federball betrachtete, umso mehr erlosch der erheiterte Ausdruck auf seinem Gesicht. Seine Züge verzogen sich langsam, als ihn eine Welle leiser Wehmut erfasste. Ohne einen Laut von sich zu geben, drückte Notos seinen Gefährten an sich, vergrub den Kopf in dem weichen Gefieder. Jaspers Körper erfüllte bald ein tiefes, anhaltendes Vibrieren. Es dauerte eine lange Zeit, bis sich beide Wesen wieder voneinander lösten.

Notos ging. Es musste eine geraume Weile vergangen sein, seitdem Nirah aus seinem Zimmer verschwunden war. Allerdings war sie immer noch in der Nähe, er hatte sie draußen herumhantieren hören. Weshalb er sich einfach aus dem Fenster geschlichen hatte. Wie in alten Zeiten. Nur bewaffnet mit seinem Schwert am Gürtel und dem Korb, den Nirah ihnen da gelassen hatte. Letzteres war gefüllt mit verzwirbelten Verbänden und dem restlichen Teil der Wechselkleidung. Das luftige Hemd hatte er inzwischen angezogen. Eigentlich war sein Oberkörper derartig von weißen Verbänden umschlungen, dass dies fast unnötig war. Allerdings, seitdem ihm seine Begleiterin so nahe gekommen war...

Seine Gedanken drifteten ab, während er über Umwege zu dem einzigen Ort in diesem Dorf trottete, welcher ihm nicht völlig fremd vorkam. Die silbern glitzernde Wasseroberfläche begrüßte ihn wie einen vertrauten Freund. Auch wenn sein Weg ihn deutlich entfernt von seinem vorherigen Standort geführt hatte. Er erkannte diese Stelle nicht wieder. Aber es machte ihm nichts aus. Dieser Bereich war immer noch einsam und verlassen, weit weg vom Tumult der kleinen Siedlung.... Und von Nirah.

Was ihn auch daran erinnerte, warum er hergekommen war. Hier hatte er genug Platz um... In einer fließenden Bewegung setzte er den Korb ab, zog dafür sein Schwert hervor. Hielt die Spitze erst gen Himmel, dann zum See gerichtet. Visualisierte erneut, ohne die Miene zu verziehen, die Momente, an dem die Heilerin ihre Behandlung begonnen und beendet hatte. Ein scharfer Ton erklang. Dachte dann daran zurück, wie sie vorsichtig über seine Tätowierung gestrichen hatte. Ein weiteres Zischen war zu hören. Den heißen Zorn, den er dabei gespürt hatte. Diesmal folgte eine ganze Reihe an Schwerthieben, die mit einem leisen Surren die Luft zerschnitten. Doch nichts erinnerte an den federleichten, bedächtigen Tanz, den er beim morgendlichen Training zum Besten gegeben hatte. Alle Schläge waren schnell. Rabiat. Von grober Härte geprägt. Notos steckte unnötig viel Kraft in jede Bewegung, bis ihn selbst diese wenigen Minuten immer öfter nach Luft schnappen ließen.

Aber er hörte nicht auf. Vollkommen im Moment verloren, steuerte er seinen Körper vom See weg, zum Waldrand hin. Das Verlang war groß, seine Gefühle nicht nur gegen widerstandslose Luft auszulassen. Eher beiläufig fiel sein Blick auf einen Baum mit einem besonders breiten Stamm. Er zögerte nicht lange. War nach paar Schritten bei seinem erkorenen Ziel angelangt. Hatte das Schwert erhoben, bereit, es auf seinen Gegner niederschmettern zu lassen.

Dann erklang hinter ihm eine von sanftem Necken durchtränkte Stimme. „Du trägst dein Grinsen verkehrt herum. Bei deiner betrübten Miene lassen ja selbst die Blumen die Köpfe hängen." Sein Schwert stürzte mit einem dumpfen Scheppern zu Boden, bevor die Klinge auch nur einen Kratzer an der rauen Rinde hinterlassen konnte. Sofort wirbelte er herum, suchte schwer atmend die Umgebung ab. Allerdings... war da niemand. Einzig der Wind war zu hören, wie er leise durch das Blätterdach fuhr. Nur unterbrochen von dem hohen, hellen Zwitschern eines Vogels, der bei seiner Kampfeinlage noch nicht verschreckt das Weite gesucht hat. Obwohl er keine Energie in seine Klinge hatte leiten wollen, flirrte die Luft vor Hitze.

Notos ließ noch so lange seinen Blick forschend umherschweifen, bis sich sein Puls weitestgehend beruhigt hatte. Sogleich setzte statt seiner Verbitterung tiefliegender Scham ein. Ein Ritter sollte seine Waffe niemals aus Wut erheben. Allerdings war ihm dieses plötzliche, bis jetzt andauernde Gefühl von Verletzbarkeit so sehr unter die Haut gegangen... Er verzog die Miene, hob langsam sein Schwert auf und steckte es wieder in den hölzernen Behälter an seinem Gürtel. Schüttelte dabei erst sachte, dann entschlossen den Kopf. Es gab keinen guten Grund, dieser Frustrationen derartig zu verfallen. Auch wenn er sich zugegeben ein wenig besser fühlte. Mehr geerdet. Er hätte seine Ruhe in erster Linie niemals verlieren dürfen. Vielleicht setzte ihm seine Verwundung doch mehr zu als gedacht. Entweder das oder die Heilung. Er fühlte sich nicht wirklich besser. Vielmehr hatte sich seine innere Unruhe gesteigert. Inzwischen hatte er das Gefühl, dass Feuerameisen in seinen Adern krabbelten. Aber dass es sogar soweit ging, dass er anfing Stimmen zu hören... Mit einem weiteren Kopfschütteln holte Notos seinen Korb und setzte sich in Bewegung.

 

Noch trieb ihn allerdings nichts zu den Hütten zurück. Er nutzte die Zeit anders. Ging gemächlich am Ufer entlang. Suchte Ablenkung darin, dass er bestimmte Dinge aufzulesen begann. Es fing mit dem ein oder anderen, vom Wassers abgerundeten Stein an. Dann folgten die Halme langer, trockener Gräser. Moos. Alte, unbewohnte Schneckenhäuser. Das ein oder andere herabgefallene Blatt. Der Inhalt des Korbes regte sich irritiert, als sogar trockene Äste in diesem landeten. Notos ignorierte dies, fand sogar erneut irgendwie zu einem leichten Lächeln zurück. Zum Glück hatte Nirah all die Lederbände und Verbände dagelassen. Er würde es gut gebrauchen können.

Wenngleich ihm ein Blick zum See verriet, dass er wohl nicht heute mit allem fertig werden würde. Die ersten Flecken an glühendem Gold und Rot schlichen sich über die Wasseroberfläche. Und so gerne er beobachten würde, wie diese schillernden Farben die Umgebung in warmes Licht tauchen würden – er wollte die ansetzende Dämmerung ausnahmsweise gerne nicht im Wald verbringen. Allerdings, kurz bevor er aufbrechen wollte, fiel seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes. Eines der in der Sonne glitzernden Bänder, zog sich bis zu einer Böschung, an der sich Ufer und Waldrand trafen. Und dort blühten am Wasserrand, in ihrem unverwechselbaren, zarten Himmelblau... Notos zögerte nicht lange. Er pflückte grundlos eigentlich selten Blumen. Aber bei diesen würde er eine Ausnahme machen.

Die untergehende Sonne hatte den Platz inzwischen in ein sanftes Abendlicht getaucht, als Notos bei den Hütten ankam. Eigentlich wollte er nur schnellstmöglich wieder in sein Zimmer. Zwei Dinge ließen ihn jedoch innehalten. Erstens: Die Tür zur anderen Hütte stand sperrangelweit offen. An sich eigentlich nie ein gutes Zeichen. Meist war es ein Grund zur Besorgnis. Wenn da nicht der zweite Punkt wäre: Die temporäre Bewohnerin dieser Hütte war gerade dabei, in der seinen zu verschwinden. Notos schloss die Augen, holte tief Luft und schritt vorsichtig voran.

Selbst das leise Knirschen seiner Schuhe schien sein Näherkommen nicht zu verraten. Er hatte gerade erst den Türrahmen erreicht, als die Heilerin in sein Zimmer eintauchte. Ihr folgte ein schwacher Hauch von gebratenem Fleisch und einer warmer Mahlzeit, welcher ihm fast schmerzlich bewusst werden ließ, wie lange er eigentlich nichts mehr gegessen hatte. Diese Gedanken verbannte er jedoch schnell aus seinem Kopf. Stattdessen trat er nun endgültig ein, blieb hinter seinem Besucher stehen. „Nirah?" Noch während ihm der Name, der mehr wie eine unsichere Frage klang, über seine Lippen rutschte, wurde sich Notos bewusst, dass er ihr wohl zu nah war. Und den einzigen normalen Weg nach draußen versperrte. Verhalten huschte sein Blick umher, bevor er ein paar Schritte nach hinten tätigte, beinahe bereits im Eingang zum gegenüberliegendem Zimmer verschwand. Gab seiner Begleiterin somit wieder einen möglichen Fluchtweg frei.

Und schaffte es nicht, ihr in die Augen zu sehen. Die Angst in ihrem Blick, der ihn das letztes Mal erwartet hatte, waren ihm noch lebhaft in Erinnerung geblieben. Wenngleich er nicht wusste, ob sie bei diesem Anblick wieder solch ein Schrecken überfallen würde. Nun, wo er zum Teil die Kleidung ihres Dorfes trug. Mit Vergissmeinnicht hinter dem Ohr geklemmt und einem Korb voller bizarrer Kleinigkeiten. Der sich bewegte...

Ein Rascheln von Kleidung war zu hören, dicht gefolgt von dem Klackern von herabfallenden Ästen, als sich unter den naturfarbenen Stoffen eine Schnauze freikämpfte. Witternd die Nase in die Luft hielt, bevor, wohl vom Geruch von Futter angelockt, auch der Rest des flauschigen Kopfes folgte. Jasper stemmte sich mit seinen Pfoten am Rand des Korbes etwas in die Höhe – und ließ somit endgültig die verhüllende Präsenz fallen, mit der er sie beide umgeben hatte. Notos folgte schmunzelnd dem hungrigen Blick zur Truthahnkeule. Dann zur Schüssel. Einer Schüssel, wohlbemerkt. Scheinbar würde Nirah nicht mit ihm zusammen essen. Natürlich nicht, meldete sich eine gehässige Stimme. Weshalb sollte sie? Sie hat dir oft genug gesagt, dass sie dich nicht ausstehen kann. Verbessert hast du deine Lage gerade auch nicht sonderlich.

Hatte Notos vorerst noch kleinmütig den Kopf gesenkt, so sah er nun wieder auf. Nun, es mochte stimmen, dass er nicht ihr Gast war. Sondern nur ein Patient. Ein verhasster Fremder. Aber das würde ihn nicht daran hindern... Kurz suchte er den Blickkontakt auf. Nur um danach sofort in eine angedeutete Verbeugung zu verfallen. Wenngleich dieses Mal der spielerische Hauch fehlte, der diese Geste normalerweise begleitete. „Ich wollte mich entschuldigen," fing er bedächtig an. Ernst. „Für meine unangebrachte Reaktion vorhin. Ich habe zu harsch reagiert. Wenngleich ich dich dennoch bitten würde... nächstes Mal das einfach nicht grundlos anzufassen? Zumindest nicht ohne meine Erlaubnis?" Er tippte mit einem verhaltenen, beinahe witzelnd anmutenden Lächeln auf seine Brust. Einen kleinen Vorwurf konnte er aus seiner Stimme jedoch nicht verbannen.



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Saphyr

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Re: The Headwinds - Handlung

von Saphyr am 19.10.2022 03:03

Ein Stich durchfuhr Nirah als sie Notos' Blick wieder auffing. In ihrer Hand hielt sie weichen Stoff und einen kleinen Behälter, aber sie schenkte dem keine Beachtung, hatte es kaum angeschaut. Die Augen, die sie trafen, waren ... kalt. So kalt wie ihre Farbe. Verwirrung wurde zu Unbehagen. So hatte er sie bisher kein einziges Mal angesehen, bei keinem ihrer harschen Worte und keiner ihrer Handlungen. Sie sprang geradezu vom Stuhl und einen Schritt vom Bett weg, als er sich plötzlich aufrichtete. Es war, als würde ihr Instinkt für sie handeln, sie zur Flucht vor einem Angreifer drängen. Dabei stolperte sie beinahe über den Korb, der direkt neben ihren Füßen stand. Für einen unnötig dramatischen Effekt sorgte allerdings der Hocker, welcher durch den Schwung krachend umkippte. 

Sie zuckte bei dem Geräusch zusammen. Natürlich stürzte sich Notos nicht auf sie. Und sie hatte auch keine Angst vor ihm. Eigentlich. Nicht nachdem er sein Leben riskiert hatte während des Kampfs letzte Nacht. Ihre leichte Erschöpfung machte sie anscheinend schreckhaft. Anders konnte sie sich ihre Reaktion nicht erklären. Oder es war der Kontrast von entspannter Abwesenheit zu dem Gefühl etwas schrecklich falsch gemacht zu haben. Weil sie sich hatte verleiten lassen, ihn nach Abschluss des Rituals noch einmal zu berühren? Das hätte sie wirklich lassen sollen. Sie hatte sich wieder einmal nichts dabei gedacht, doch sie wusste selbst, wie unangenehm so etwas sein konnte. Selbst wenn Notos' selbst keine Bedenken geäußert hatte, es gehörte sich nicht. Aktuell war er immer noch ein Patient, persönliches Interesse hatte hier rein gar nichts zu suchen. Aber mit einer solchen Reaktion hatte sie nicht gerechnet. Es liegt an den Tätowierungen. 

Ein weiteres tonloses "Entschuldige" wich über ihre Lippen. Nirah war sich nicht sicher, ob sie sich für den Lärm, ihr Aufspringen oder ihre Handlungen entschuldigte. Es war ohnehin so leise, dass Notos es wahrscheinlich nicht hörte. "Mir geht es gut. Nur etwas Kopfschmerzen." murmelte sie schnell, ohne ihn richtig anzusehen. Für eine Erklärung warum die Heilung bei ihm anstrengender gewesen war, hatte sie keinen Nerv. Ebenso überging sie den Hinweis, dass sie sich um ihre eigene Verletzung kümmern sollte. Das würde sie. Später. Mit der freien Hand massierte sie beiläufig ihre Schläfen, starrte ein paar Sekunden mit leerem Blick auf den Boden. Bis sie sich an den Verband und die Salbe erinnerte. 

Erst jetzt sah sie sich das Bündel in ihrer Hand und den Korb auf dem Boden. Statt geordnet aufgerollten Stoffbahnen begrüßte sie das Chaos. Schon jetzt hatte sie Lust, Notos damit und seiner schlechten Laune alleine zu lassen. Der Verband, den sie an sich genommen hatte, hing in einem wirren Knäuel zwischen ihren Fingern bis zum Boden. Die restlichen Verbände waren kreuz und quer verteilt. Als hätte man versucht, ein Nest daraus zu bauen. Moment. War da eine Feder?
Ein leises Rascheln brachte sie dazu, sich umzudrehen. Goldene Augen fixierten sie. Wie eine Statue saß Sir Jasper zwischen ihr und der Tür. Das Ende eines Lederbands lugte zwischen seinen Tatzen hervor. Bring deine Behandlung gefälligst zu Ende, schien er ihr sagen zu wollen. Er kann also auch Gedanken lesen, dachte Nirah und konnte den Anflug eines Lächelns einfach nicht unterdrücken. Die Unordnung war mit Sicherheit die Schuld des Katzenvogels, aber wer konnte diesem Wesen schon böse sein? 

Jedes noch so kleine bisschen von Erheiterung verschwand in dem Moment, als sie sich wieder ihrem Patienten zuwandte. Mit kühler Distanziertheit verkündete sie knapp "Ich bin noch nicht fertig. Lass mich bitte arbeiten." Zeigte ihm nur die beiden Utensilien in ihren Händen. Sie sah Notos kein einziges Mal in die Augen und sie vermied pedantisch, ihn mehr als unbedingt nötig anzufassen. Mit eiligen, aber geübten Bewegungen verteilte sie die Kräutersalbe überall, wo die dunklen Adern durch seine Haut schimmerten. Sie würde die Entgiftung ein wenig unterstützen, auch wenn der Großteil bereits getan war. Falls es in diesem Fall nichts brachte, es schadete nicht. An den Rändern der eigentlichen Wunde blieb sie vorsichtig, noch immer die Warnungen zu dieser Art der Magie im Hinterkopf. Sie war bereits gesäubert worden, das hatte Notos wohl selbst übernommen. Zum Schluss schlang sie einen der unberührt gebliebenen Verbände um ihn, sodass am Ende die Hälfte seines Oberkörpers in Stoff gewickelt war. 

Kaum war sie fertig, wandte sie sich ab. Sie schnappte sich noch die Feuerschale - war sie so fokussiert gewesen, dass sie diese direkt an den Abgrund gestellt hatte? - und trat ohne den Korb und was von den Verbänden und Lederstreifen übrig war, den Rückzug an. Sollte Sir Jasper seine Freude daran haben. Die Tür war schon geöffnet und ein Fuß über der Schwelle, da ergriff Nirah doch noch einmal das Wort, drehte sich dafür jedoch nicht um. "Ich kümmere mich um das Essen. Auf dem Tisch im Gang liegt frische Kleidung für dich. Es dauert noch ein wenig bis du eine Wirkung spürst, ich sehe später nach dir. Beweg dich trotzdem nicht mehr als notwendig." sagte sie nur eintönig und verschwand anschließend aus dem Raum. 

Keine Sekunde länger hätte sie es in dem Zimmer ausgehalten. Auf direktem Weg steuerte Nirah auf den Tisch zu, stellte Salbe und die erkaltete Schale einfach ab und nahm den Fasan und den Korb von Weißhaar an sich. Bemerkte dabei, dass die Kleidung bereits fehlte. Inzwischen hatte sich ein rhythmisches Pochen hinter ihren Augen breitgemacht. 
Draußen atmete sie tief durch. Die vom Räucherduft befreite Luft tat gut. Und es war eine Erleichterung, wieder alleine zu sein.

Die nächste Zeit verbrachte Nirah damit, den Vogel auszunehmen. Auf der Bank hatte sie einen weiteren Korb entdeckt, welcher bis oben mit allerlei Lebensmittelm gefüllt war. Man ließ sie hier hinten wenigstens nicht verhungern. Das Feuer schwelte noch halbherzig vor sich hin. Sie legte Holz nach. Richtete derweil alles, um aus den Zutaten einen stärkenden Eintopf zu kochen. Behielt eine Keule des Fasanen zurück, für Sir Jasper. Als das Abendessen schließlich im Topf an dem Gestell über dem Feuer köchelte und das Fleisch für den Katzenvogel daneben brutzelte, sah sich Nirah den Kräuterkorb genauer an. Die Pflanzen waren frisch. Sortiert. Sie erkannte eine klare Anweisung darin: Einen Teil trocknen, einen Teil verarbeiten. Ihr war, als höre sie Weißhaars Stimme in ihren Gedanken. Du hast ja jetzt genug Zeit dafür, nicht?

Nirah nahm alles, was sie um sich herum drapiert hatte, mit nach drinnen. In das Gebäude, wo Notos nicht war. Die Tür ließ sie offen stehen. Dort setzte sie sich hinter den großen Arbeitstisch und kümmerte sich um ihre Aufgabe. Besser heute als morgen. Pflanzen wurden schnell welk. Einen Teil hängte sie auf. Der Rest wurde zerkleinert, für Salben und Tinkturen vorbereitet, konserviert und sortiert. Ein kleines Häuflein an Kräutern stapelte sie am Rand auf. Daraus würde sie eine Paste für ihr Bein machen. Für morgen. Damit es sich nicht entzündete. Immer wieder ging Nirah nach draußen, sah nach dem Essen und dem Feuer. 

Es war einige Zeit vergangen, als sie entschied, dass es Zeit war ihren leeren Magen zu füllen. Sie zauberte tönerne Schüsseln aus den Untiefen der Schränke hervor. Als Erstes nahm sie für sich eine Portion. Diese war im Nu verschlungen. Die Zweite ebenfalls. 
Eigentlich hatte keinen Wunsch sich mit Notos auseinanderzusetzen, rang sich dann doch durch ihm eine Schüssel zu füllen. Mit Eintopf und knuspriger Fasanenkeule bewaffnet stand sie widerwillig auf, um auch ihrem Patienten Essen zu bringen. 


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Antworten Zuletzt bearbeitet am 19.10.2022 11:40.

Zladune

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Re: The Headwinds - Handlung

von Zladune am 16.10.2022 00:51

Er solle sich doch ein wenig entspannen. Nirahs Worte ließen seine Aura aufflammen, als sich eine kleine Welle von seiner Körpermitte ausgehend durch das intensive, dunkle Blau zog, dabei Schlieren an winzigen Verwirbelungen hinterließ. Notos hatte Mühe, nicht sofort die Augen zu verdrehen, kniff sie nur mürrisch zusammen. Sie hatte gut reden. Soweit er wusste, war er derjenige, der sich in dieser verwundbaren Position befand, nicht sie. In einem unbekannten Gebiet, in einem Bett, welches nicht ihm gehörte. Mit einer Heilerin neben ihm, die ihm genauso fremd war wie die Magie, die sie nutzte. Unfähig, sofort im Notfall zu verteidigenden Maßnahmen greifen zu können. Gezwungen dazu, seiner Begleiterin trotz allem genügend Vertrauen entgegenzubringen. Er wollte Nirah sehen, wie sie an seiner Stelle ruhig und sorglos hier liegen würde.

Den Effekt der Edelsteine spürte er allerdings, noch bevor sie seine Haut berührten. Als würde ein elektrisches Summen von ihnen ausgehen. Schwingungen, die in einem individuellen Rhythmus ausgesendet wurden. Auf seinen Körper trafen, der diese nahezu simultan zu imitieren versuchte. Notos gewährte es. Beobachtete währenddessen an seiner eigenen Aura, wie sie sich speziell um das Sonnengeflecht herum zu glätten begann, kaum, dass die Steine Kontakt mit ihm aufnahmen. Er kannte es zur Genüge. Mit der Zeit würde seine Aura an dieser Stelle einen stärkeren, satteren Farbton annehmen, sobald sie sich den Vibrationen des Citrins angepasst hatte. Auch wenn diese... anders waren, als gewohnt. Er hatte es schon davor bemerkt, als die Heilsteine sich noch in dem hölzernen Behälter befunden hatten. Er fragte sich, ob es an den Steinen selbst oder an der unterschiedliche Art ihrer Anwendung und damit verbunden der andersartigen Magie lag.

Nach einer Weile schenkte er dieser Auffälligkeit keine weitere Beachtung. Viel wichtiger war es, den Energiefluss an den Grenzen seiner Verwundung zu festigen. Dafür zu sorgen, dass die Vergiftung durch keine Lücken einen Ausweg finden und eventuell zu Nirah überspringen konnte. Gleichzeitig versuchte er, solange seine Begleiterin seine Hand ergriffen hatte, mit einem Finger den Jaspisring zu berühren, der als runder Schleier aus charakteristischem, dunklen Rot an ihrem Daumen für ihn klar erkennbar war. In Gedanken zählte er immer leise bis zehn, bevor er einen winzigen Impuls in diesen reinschickte. Nur als Anregung. Der Stein, dem die Energieströme seines Trägers in all den Jahren zu gut bekannt waren, nahm den kleinen Schwall, der in ihn drang, ohne Widerstand auf. Fügte seine eigene Energie hinzu, bevor er diese in beinahe violett gefärbten Wogen weiterleitete. Sie wie ein hauchdünnes Tuch auf die flammenfarbige Aura legte. Kaum wahrnehmbar, doch es würde genügend Schutz bieten.

Ansonsten.... behielt Nirah recht. Die Heilung dauerte wahrhaftig lange. Und war unglaublich eintönig. Nach etlichen Minuten öffnete er einen Spaltbreit die Augen, ließ seinen Blick an der Heilerin neben ihm haften, bevor er seine Aufmerksamkeit durch den Raum schweifen ließ – und bemerkte dabei, wie zwei flauschige Öhrchen über den Rand des Schrankes lugten. Goldene Augen starrten ihn unentwegt an, als Jaspers den Kopf hochreckte, diesen dabei forschend erst auf die eine, dann auf die andere Seite legte. Notos schenkte seinem Partner ein schwaches Schmunzeln. Welcher dieses prompt missverstand und seine Schwingen ausbreitete. Die Stirn in Falten gelegt beobachtete Notos, wie der kleine Drache lautlos hinunterglitt, seine Präsenz dabei vollkommen verschleierte. Jasper landete erst auf dem Tisch, schlich sich dann auf leisen Pfoten lauernd an. Sprang dabei auf die hölzerne Ablage neben dem Bett, tänzelte skeptisch um die Schale herum, aus der ein fürchterlicher Gestank kam. Jasper machte den Fehler, den Inhalt des Kohlegefäßes näher zu beschnuppern – und stellte sich auf einmal auf seine Hinterpfoten, die Nase angewidert gekräuselt.

 

Notos kämpfte das leise Lachen nieder, welches sich anzubahnen drohte, als sein Partner den Eindruck machte, dass er gleich in einen Niesanfall verfallen würde. Doch nichts dergleichen geschah. Irgendwie behielt auch Jasper seine Selbstbeherrschung, als er mit einem genervten Ausdruck mit einer Pfote die Schale bedrohlich nahe an den Rand der Ablage schob, bevor er sich setzte. Und wie Statue in dieser Position verharrte, Nirah dabei mit einem undefinierbaren Blick musterte. Dann fiel ebendieser auf den Korb neben ihr. Notos hätte schwören können, dass etwas in den goldbraunen Augen aufleuchtete, als der kleine Drache mit einem Satz hinuntersprang und zu dem geflochtenen Behältnis tapste. Den Kopf so tief reinsteckte, dass er beinahe fürchtete, dass Jasper gänzlich reinfallen würde. Stattdessen zog er jedoch aus diesem eine Art ledernes Band heraus, hielt es wie ein Beutetier stolz in seinem Maul fest. Und begann kurzerhand damit zu spielen. Warf es in die Höhe, nur um mit den Pfoten danach zu wedeln. Einer der Hiebe traf und das Band wurde durch den halben Raum geschleudert. Das Federbündel beobachtete dies, ließ sich sofort auf alle Viere nieder. Streckte dann das Hinterteil in die Höhe, wackelte aufgeregt mit seinem Schweif, bevor es seinem Opfer nachhetzte.

Notos wandte sich ab, schloss sofort wieder die Augen, in der Hoffnung, dass sich sein Partner weniger animiert zu solchen Blödeleien fühlte, wenn er ihm keine Aufmerksamkeit schenkte. Dennoch schlich sich der verräterische Hauch eines amüsierten Lächelns auf seine Züge. Wenn Jasper einen so unbekümmerten Zustand zum Besten gab, bedeutete das wohl, dass sie im Moment wirklich keine Bedrohungen zu fürchten hatten. Dieser Umstand beruhigte ihn tatsächlich mehr als alles andere. Er sank abermals ins Bett zurück. Verschärfte erneut seinen Fokus auf die farbigen Konturen seines eigenen Körpers und dem seiner Begleiterin. Ein tiefes Ausatmen begleitete den inneren Beschluss, den er gefasst hatte.

Er begann sich etwas mehr auf die ganze Situation einzulassen. Ließ den schweren, würzigen Geruch der Kräuter, an den er sich inzwischen gewöhnt hatte, zum gewissen Teil seine ruhelosen Gedanken einlullen. Achtete vielmehr auf das vertraute Pulsieren der Energie auf seiner Brust. Die Wellen, die dadurch bis zum Rand seiner Verletzung schwappten. Dabei wich seine Aufmerksamkeit nie von der Aura der Person neben ihm. Nur... er konzentrierte sich weniger auf etwaige Veränderung. Sondern verfolgte vielmehr das stetige, bedächtige Auf- und Abebben der flammenden Wogen. Friedlich. Ohne Hast. Ohne Flackern. Und fing langsam an, sie nachzuahmen. Der feste Griff um seine Schwertscheide lockerte sich.

Ein Gefühl erfüllte ihn, welches entfernt an Entspannung erinnerte. Ähnlich wie letzte Nacht in der Höhle. Ein halbwacher Zustand. Wachsam genug, um bei der kleinsten Warnung sofort aufzuspringen, zeitgleich aber ruhig genug, um ihn erholsam nennen zu können. Es ließ ihn beinahe den seltsamen, sich zunehmend steigernden Drang, sich bewegen zu müssen, vergessen. Genauso wie er eher am Rande wahrnahm, dass Nirahs Aura auf einmal wieder träge zu flackern begann. Und dass sie danach seine Hand drückte, bevor sie die ihre zurückzog.

Was er jedoch nicht mehr verdrängen konnte, war die Berührung, die danach folgte. Unscheinbar. Flüchtig. Zärtlich. Genau auf dem Kopf des Rotkehlchens, welches seine Brust zierte. Unbewusst verstärkte sich schmerzhaft der Griff um den Behälter seiner Waffe. Die Anflüge seiner neu gewonnenen Ruhe waren mit einem Schlag verweht. Ihrer statt sammelte sich Eis in seinen Adern, welches ihn in jeglicher Bewegung erstarren ließ, ihm einen kalten Schauer über seinen Rücken jagte. Im völligen Kontrast dazu staute sich heiße, zornige Glut in seinem Magen, vermischte sich dort mit tiefem Unwohlsein, welches von ihm Besitz ergriff. Es gab nur wenige Personen, denen er es erlaubte, diese spezifische Tätowierung zu berühren. Die letzte, die das getan hatte, noch dazu mit derselben, vorsichtigen Sanftheit...

Sofort schlug er die Augen auf, die Brauen dicht zusammengezogen. Pure, frostige Abweisung spiegelte sich in seiner Miene wider. Die Hand bereits gehoben, um jegliche weiteren möglichen Berührungen verhindern zu können. Er sah nur Nirah. Ihre Hände, ein wenig zu nahe an seinem Gesicht. Noch im selben Moment, bevor er ihr Handgelenk packen konnte, spürte er den Schatten eines Griffes, die Finger fest in seine Schulter gebohrt. Du kannst dir solch eine Unruhe nicht erlauben. Sie schwächt dich... Lass sie gehen.

Notos schloss die Augen, atmete einmal tief ein, bevor er mit einer einzigen Handbewegung über seine Brust und seinen Bauch wischte, um die letzten Spuren von Nirahs Berührungen zu vernichten, die Verbindung zu ihrer Aura endgültig zu kappen. Richtete sich dann im Bruchteil einer Sekunde wieder auf. Saß im Schneidersitz auf dem Bett, die Schwertscheide im Schoß. Das scharfe Stechen, welches diese abrupte Bewegung strafte, ließ ihn kurz zur Seite schauen. Mit wachsendem Missmut seine immer noch gut erkennbare, vergiftete Wunde betrachten, bevor er Nirah musterte.

Er ignorierte ihre seltsame Aussage zu seinen Tätowierungen völlig, ließ stattdessen seine Augen nur auf ihr ruhen. Die Kühle wich zunehmend aus seinem Blick. Die Strenge blieb. „Wie geht es dir?", fragte er langsam. Bedächtig. Es folgte eine simple Feststellung: „Du bist erschöpft." Eine Nachwirkung der Heilung? Notos schwieg einen Moment, die Lippen hart aufeinandergepresst, bevor er den Kopf leicht abwandte, scheinbar an ihr vorbei sah. Dabei eher nebenbei verkündete „Du solltest dir deine eigene Wunde ansehen. Nur zur Sicherheit."



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Saphyr

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Re: The Headwinds - Handlung

von Saphyr am 14.10.2022 23:48

Erstaunlicherweise war Notos weniger störrisch als erwartet. Er gab keinerlei Widerworte. Im Gegenteil, er war erschreckend still. Nirah beobachtete mit interessierter Verwunderung, wie er plötzlich ihrem Blick auswich und sich abwechselnd neue Ziele für eine Reihe an unruhigen Bewegungen aussuchte. Beinahe fragte sie sich, ob sie oder ihre Heilkünste furchteinflößend wirkten. Aber sie hatte sich wirklich Mühe gegeben, so vertrauenerweckend zu wirken, wie es von ihr in dieser Position erwartet wurde. Es hatte eine Weile gedauert, bis sie das gelernt hatte. Einen Unterschied zwischen ihren Patienten und anderen Menschen zu machen. 

Nein, nicht so. Du verschreckst sie, kleiner Wolf. Versuch ein wenig mehr ... mitfühlend zu wirken. Nimm dir Zeit für deine Bewegungen, sichere dich ab, ob es deinem Patienten gut geht. Die Leute verlassen sich auf uns. Verstehst du? Es erwartet keiner von dir, dass du dich mit ihnen anfreundest. Du sollst ihnen lediglich die Angst nehmen. Die Angst vor ihrer Krankheit oder Verletzung, die Angst vor immerwährenden Schmerzen, die Angst zu sterben, aber auch die Angst vor der Magie. Nicht jeder spürt sie so wie du. Wenn du dir einmal ihr Vertrauen erworben hast, werden sie es immer wieder mitbringen. Du hast gute Instinkte, du kannst das. Lass nicht zu, dass sie von deinen Erfahrungen ausgehebelt werden.
Sie hatte verstanden, irgendwann. Solange sie als Wächterin auftrat, ging es nicht um sie und es ging auch nicht darum, wie sie zu anderen stand. Es zählte ausschließlich, dass sie Dinge bewerkstelligen konnte, wozu andere nicht in der Lage waren. Die Verpflichtung, dieses Geschenk weiterzugeben. Solange sie sich leiten ließ, fiel es ihr leicht, einzig und allein ihre Aufgabe zu erfüllen. ... Auch wenn sie sich bis heute nicht sicher war, ob es das war, was Weißhaar mit seiner Rede gemeint hatte. 

Vermutlich hatte Notos endlich realisiert, dass es Unsinn war, sich so sehr gegen eine Behandlung zu sträuben. Mit einem weiteren kleinen Lächeln würdigte sie, wie etwas von seiner Anspannung aus ihm wich. Sie zog lediglich eine Augenbraue nach oben, als er eine unnötig genaue Antwort auf ihre Frage nach unliebsamen Berührungen gab. Er hätte einfach nein sagen können, falls es nichts Bestimmtes gab, das problematisch für ihn war. Ob er kitzelig war, interessierte sie nicht und es schien ohnehin mehr ein Ausdruck seiner Nervosität zu sein, ihr das mitzuteilen. Aber letzteres war einfach ... eine Information, die ihr wenig nützte. Die er damit nicht hätte preisgeben müssen. Und sie deshalb, verwirrte.
Als ob auch nur einer von ihnen Bedenken wegen irgendetwas haben musste.
Wenigstens hieß das ... ihre Berührungen wären kein Problem, oder? Also konnte alles wie geplant vonstattengehen. Umso besser. 

Während sich ihr Patient dazu durchrang, sich hinzulegen, zog sich Nirah einen niedrigen Hocker heran und setzte sich zum ihm ans Bett. Selbst als er bereits lag, zögerte sie damit direkt zu beginnen. Er schien noch immer unentspannt. Sie ließ ihm die Zeit, die er benötigte, wartete schweigend ab. 
"Fangen wir an." bestätigte sie, als er ihr schließlich ein Zeichen gab. "Entspann dich ein wenig. Ich denke an mein Versprechen, Notos." sagte sie leise. Das waren die letzten Worte, die ihr für einige Zeit über die Lippen kommen würden. 

Nirah nahm das Band mit den Steinen von ihrem Handgelenk und wickelte es zweimal um ihre Hand. Das Ende klemmte sie zwischen die Ring- und Mittelfinger. So legte sie die Hand vorsichtig, auf seinen Bauch. All ihre Bewegungen waren langsam, um ihn nicht zu erschrecken. Die meisten Steine berührten gleichzeitig, ihre und Notos' Haut. Er hatte seine eigene Hand wiederum bereits auf der richtigen Höhe bereitgelegt. Ohne Zögern nahm sie diese in einen lockeren Griff und legte sie gemeinsam mit ihrer auf ihm ab. Stellte auch hier sicher, dass sie Kontakt zu seinem Oberkörper hatte. Dann schloss sie die Augen. 

Fast sofort verdrängte ein kräftiges Pulsieren um sie herum alle anderen Eindrücke. Ein zufriedener Ausdruck legte sich auf ihr Gesicht. Dieser Ort war großartig. Das hatte sie natürlich bereits gewusst, doch es abermals so intensiv zu erleben war wunderbar. Je langsamer ihr Atem und je ruhiger ihr Inneres wurde, desto besser konnte sie fühlen, welche Bahnen die Energie nahm. Sie spürte sie sogar wie einen warmen Hauch, der über ihre Arme und ihr Gesicht streichelte. Die Grenzen des Raumes waren ihr nur bewusst, weil der Rauch der Kräuter den Fluss beschleunigte. Alles andere war ein gleichmäßiger Ort des Friedens und des Gleichgewichts. An einer Seite wurde er umfasst, von einem Band aus noch stärkerer Energie, welches der Rand des Wassers sein musste. In die andere Richtung endete der Kreis lediglich, flachte in seiner Intensität schnell ab. 

Erst als sie sich sicher war, dass sie den höchsten Punkt der Entspannung erreicht hatte, begann sie den Fluss zu lenken. Sie konzentrierte sich für den Anfang auf die Edelsteine, nutze sie, um den Zweck und die Richtung ihrer Bemühungen festzulegen. Heilung. Entgiftung. Reinigung. Es half, dass die Umgebung durch die Räucherung bereits darauf eingestellt war. Die Steine fingen dies auf und verstärkten es. Sobald sie ein Gefühl für die richtige Schwingung und Geschwindigkeit hatte, weitete sie die Blase bis zu ihrer anderen Hand aus. Wie zwei Magnete beugten ihre Hände das Netz aus Energie, legten das Zentrum des Heilzaubers fest, verwoben sie mit ihrem neuen Ziel. Und ließen sie auf die Gestalt unter ihr einströmen. 

Für gewöhnlich funktionierte das ohne Probleme. Aber ...
Nirah konnte fast die Oberseite von Notos' Körper vor ihrem inneren Auge sehen, weil sich Fluss daran brach. Er wurde nicht vollständig aufgehalten. Normalerweise gab es allerdings keinen Widerstand. Kein bisschen. Sodass sie kaum einschätzen konnte, wo ein Körper anfing und wo er aufhörte. Bei ihm schien das anders zu sein. Sie gab ein bisschen mehr Druck auf die Fäden, die sie in ihrer geistigen Hand hielt. Die Barriere war nicht stark genug, um die Energie zurückzuhalten. Mehr wie ein ärgerliches, aber kleines Hindernis ließ sie sie hindurchfließen. Mit der Zeit verschwand der Eindruck, dass etwas gegen sie kämpfte, zusehends. Als würde sich die unsichtbare Mauer daran gewöhnen. 

Aber da war noch etwas anderes. Nirah fand nach und nach mehrere Pole, an denen sich der Fluss automatisch sammelte und eine andere Richtung annahm. An denen sich die Schwingungen veränderten. Es war sehr schwach. Doch es fühlte sich beinahe an wie ... 
Sie öffnete die Augen nur einen Spalt breit und lokalisierte die Stellen. Besonders eine zog ihre Aufmerksamkeit auf sich und das war ... Ihr Blick fiel auf das Bild des Vogels. Die Tätowierungen? Und es fühlte sich an wie eine abgeschwächte Version dessen, was um die Edelsteine in ihrer Hand und an ihrem Finger passierte. Seltsam.

Nirah zwang sich, die Augen zu schließen und später darüber zu sinnieren. Es würde ihre Arbeit nicht stören. Der Effekt war nicht stark genug, um den Rest des Zaubers durcheinander zu bringen. Nur eine weitere Ablenkung. Aber das erinnerte sie daran ...
Ich denke an mein Versprechen. 

Bis auf die eigenartige Mauer und die Verwirbelungen, die sie den Tätowierungen zuschrieb, fand sie jedoch nichts. Alles verhielt sich so wie es sollte. Die Energieströme folgten ihrem Willen. Kein Ungleichgewicht, außerhalb des Üblichen. Keine chaotischen Flüsse, die auf sie oder die Umwelt übergriffen. Nichts. Nichteinmal direkt dort, wo Notos' Wunde und die vergifteten Adern sein mussten. 

Das hieß, es gab keinen Grund zur Sorge. Sie stellte wieder einen Zustand völliger Entspannung her, hatte kaum bemerkt, dass ihre Entdeckungen sie davon abgebracht hatten. Weitere Ablenkungen ließ sie nicht mehr zu. Nirah versank in ihrer Konzentration, war vollauf damit beschäftigt, die reinigenden Energien in der Position zu halten, wie sie beabsichtigt hatte.
Zeit verging. Wie viel wusste sie nicht. Sie hatte weder ein Gefühl für ihren Körper, noch für andere materielle Dinge um sich. Da war nur Ruhe und ihr Fokus auf das Ritual.

Schließlich drohten ihr die Stränge zu entgleiten. Eine vage Wahrnehmung ihrer Selbst setzte ein und damit ging ein dumpfer Schmerz irgendwo in ihrem Körper einher. Ein eindeutiges Zeichen, dass es genug war. Stück für Stück löste Nirah die Schichten ihrer Kontrolle auf. Die Energiestränge sprangen in ihre natürliche Position zurück, verloren langsam ihre zielgerichteten Vibrationen und schlossen sich ihren Brüdern in deren ewigen Kreislauf wieder an. Sie blieb noch so lange still sitzen, bis sie sicher war, dass keine bleibenden Effekte auf ihre Umwelt zurückbleiben würden. Dann verschloss sie ihre Wahrnehmung und fand in ihren Körper zurück. 

Müde öffnete Nirah die Augen. Sie hatte dumpfe Kopfschmerzen, schlimmer waren aber die Schmerzen in ihren Gliedmaßen vom langen Sitzen. Mit den Fingern drückte sie einmal Notos' Hand und entzog ihre anschließend. Auch die andere hob sie an, schlang das Band wieder um ihr Handgelenk. Kurz streckte sie sich.
Doch bevor sie etwas sagen konnte, fiel ihr ein grünes Schimmern ins Auge. Sofort erinnerte sie sich an die Wirbel um seine Tätowierungen, denn es war das Blatt im Schnabel des Vogels, welches ein schwaches Licht absonderte. Unwillkürlich streckte sie die Finger nach dem Bild aus und strich verwundert mit den Fingerspitzen darüber. An den Rändern entlang. Dann sanft über den Kopf des Tiers, als sei es ein echter Vogel. Aus der Nähe betrachtet, bewahrheitete sich, dass er ihr sehr gefiel. 
Es war nur eine Tätowierung - in Farbe zwar und sehr kunstvoll ausgeführt - doch nichts Besonderes. Oder? Als sie weiter nach oben sah, entdeckte sie ein weiteres Glimmen im Bereich von Notos' Augen. Sie hatte schon beinahe auch diese Stelle berührt, da bemerkte sie was sie tat und hielt inne. 

"Entschuldige." murmelte sie schnell. Als hätte sie sich verbrannt, zog sie ihre Hand zu sich. "Das Ritual ist abgeschlossen." verkündete sie. Doch ihre Augen fixierten weiterhin das Bild des Vogels, wechselten schnell zu seinen Augen, zu seiner Schulter und zu einer Stelle irgendwo bei seinen Füßen. Wo genau, wusste sie nicht. Und wieder zurück zu dem Vogel. Das Schimmern verblasste. Verschwand, als hätte sie es sich nur eingebildet. 
"Etwas stimmt nicht mit deinen Tätowierungen, Donnerschwinge." stellte sie fest. Mehr brachte sie nicht heraus, sah ihn einfach nur verwirrt an. Geistesabwesend zog sie wie automatisch die Salbe und Verbände aus ihrem Korb. 


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Antworten Zuletzt bearbeitet am 14.10.2022 23:57.

Zladune

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Re: The Headwinds - Handlung

von Zladune am 13.10.2022 01:58

Das schwache Grinsen, zu welchem Notos sich hatte verleiten lassen, gewann ein wenig an Wärme, als Nirah auf seine kleine Neckerei ansprang. Und tatsächlich zurückzusticheln wagte. Ich schätze bereits diesen Anblick nicht gerade. Er schmunzelte daraufhin nur gutmütig, schüttelte ergeben den Kopf: „Glaub mir, du bist wahrhaftig nicht die Erste, von der ich diesen Satz gehört bekommen habe." Gerade Vernon hatte es niemals unkommentiert gelassen, wenn er wieder mal nach einem Auftrag eine Tätowierung bei ihm nachbessern lassen musste. Er konnte es geradezu vor sich sehen, wie sein Freund bei diesem Anblick aufgebracht um ihn herumtänzeln würde, die Nase dabei voller Missbilligung, beinahe schon angewidert gerümpft. Sag mir Notos, bist du ein Masochist? Ich hab ja schon vieles bei dir gesehen. Aber DAS? Reicht es dir nicht schon aus, solche Schleifpapierhände zu besitzen? Du musst mehr auf dich achten. Sonst hast du irgendwann mehr Narben als intakter Haut auf deinem Körper. Er hatte auf diese empörte Begrüßung immer nur stumm gelächelt. Gutes Aussehen... das war unwichtig. Was brachte es ihm schon?

Das einzige, was zählt, sind Resultate.

Augenblicklich fiel Notos' Lächeln, der Ausdruck auf seinem Gesicht verhärtete sich. Ja. Das Wichtigste waren Ergebnisse. Alles andere war nebensächlich. Dementsprechend war es ihm gleichgültig, was Nirah während ihrer Behandlung mit ihm anstellen würde. Hauptsache, sie selber kam währenddessen nicht zu Schaden.

Besser gesagt, es sollte ihm gleichgültig sein. Als er jedoch auf dem niedrigen Bett saß, die Schwüle des späten Nachmittages sich um ihn legte wie eine viel zu warme Decke und ein herber, benebelnder Geruch den Raum erfüllte, wäre er am liebsten aufgestanden und wieder rausmarschiert. Einfach an die frische Luft. Vielleicht wieder zu dem kühlen Schatten am See. Oder besser noch – gleich nach Hause. Der erdige, würzige Duft mit der markanten, süßlichen Note erinnerte ihn sowieso viel zu stark daran, dass er hier nicht bleiben konnte.

 

Allerdings hielt er seine Versprechen. Versuchte es zumindest. Und... er respektiere seine rothaarige Begleiterin und ihre Wünsche wohl dann doch zu sehr, um sie nach all ihren Mühen einfach stehen zu lassen. Wenigstens schien sie zu begreifen, wie ernst seine Warnung gemeint war. Angespannt hörte er ihr weiter zu, die Stirn in tiefe Falten gelegt. Doch weder ihre beschwichtigenden Worte noch der intensiver werdende Geruch der Kräuter, die ihn in Watte packen wollten, vermochten seine Unruhe wirklich zu tilgen. Eher im Gegenteil. Notos' Griff um die Schwertscheide verstärkte sich, bis sich seine Finger beinahe schon verkrampft ins Bettlaken bohrten. Die Augen dunkel vor Sorge, die Brauen dicht zusammengezogen. Ich bin in der Lage, sehr genau zu spüren, was geschieht. Aber genau das war es doch, nicht wahr? Wie konnte sie so selbstsicher behaupten, dass sie mühelos schädliche Einflüsse wahrnehmen würde, wenn... sie es einfach nicht können konnte? Sie war allem Anschein nach bisher nie in der Lage gewesen, ihren eigenen Körperfluss wahrzunehmen. Oder ihn zumindest zu nutzen. Wie sollte sie dann also erst...

Notos' Gedanken erstickten im Keim, noch bevor er seine Bedenken laut aussprechen konnte. Es bedurfte nicht viel. Es war einzig und allein die ungewohnte Weichheit in Nirahs Stimme, die ihn innehalten ließ. Vorsichtig sah er von seiner Schwertscheide auf, traf dabei auf ihr kleines Lächeln. Seine Aufmerksamkeit ruhte für einen Moment darauf, bevor er unsicher die Lippen aufeinanderpresste, den Blick an ihr hin- und herwandern ließ. Auf der Suche nach dem kleinsten Anzeichen in ihrer Miene, in ihrer Haltung, welches verraten würde, dass sie ihre Aussage nicht ernst meinte. Ihm nur etwas vorspielte.

Er fand nichts außer unverfälschter Aufrichtigkeit.

Und plötzlich war er nicht mehr in der Lage, ihren Blick zu erwidern. Betreten wandte er den Kopf ab, löste sich mit einer fahrigen Bewegung von seiner Waffe.  Rieb sich stattdessen verhalten den Nacken, striff dabei sein silbernes Medaillon, bevor er seine Hände aufeinander legte. Nervös den Ring an seinem Finger drehte. Die Sanftheit in Nirahs nächsten Worten taten dann ihren Rest. Notos ließ mit einem stummen Aufseufzen die Schulter sinken, als sein innerer Widerstand endgültig zerschmolz. Gut, er gab auf. Sie hatte gewonnen. So sehr ihn alles an dieser Behandlung widerstrebte, so wollte er ihr wirklich eine Chance geben. Er wollte es sehen. Ihr die Möglichkeit geben, ihre Stärke und Fähigkeiten zeigen zu können. Selbst wenn das bedeutete, dass er seiner Begleiterin notgedrungen ein wenig seines Vertrauens schenken musste.

Fast schon erleichtert entspannte sich seine Körperhaltung endgültig, als Nirah dann den Ring annahm, ihn sich sogar direkt ansteckte. Ein kleines Lächeln erschien wieder auf seinen Zügen während er sich resigniert zurücklehnte. Seine Begleiterin nutzte den Moment, als er klein beigab, um ihn abermals auszufragen. Dieses Mal waren ihre Fragen jedoch wohl reine Routine. Ob er empfindlich gegenüber Berührungen war? Etwas skeptisch hob er eine Braue in die Höhe. „Falls du mich damit fragen willst, ob ich kitzlig bin – nein, bin ich nicht.... mehr", gab er mit einem schwachen, witzelnden Schmunzeln zu. Das wäre für einen Ritter fatal. Genau wie eine Sensibilität gegenüber Schmerzen. Eine gewisse Selbstbeherrschung war absolut unabdingbar. Er hatte diese Lektion früh gelernt.

Was aber andere Berührungen anging... Notos schwieg einen kleinen Moment zu lange, bevor er hinzufügte: „Ich wurde oft genug von Heilern behandelt, um unterscheiden zu können, für welchen Zweck dieser Körperkontakt stattfindet. Du musst also keine Bedenken haben." Matt lächelnd deutete er ein Nicken an, tat dies auch dann, als sie mit ihren Erläuterungen fortfuhr. In gewisser Weise beruhigte ihn das klassische Erklären des Vorgehens bei einer Behandlung, für welches wohl jeder Heiler getrimmt wurde. Sie wollte also Zugriff zum Sonnengeflecht haben. Machte Sinn. Genauso wie die Nähe zu den Herzströmen. Notos ließ Nirah kaum ausreden, als sie ihm ihr Angebot unterbreite: „Ich nehme an", gab er so ernst wie entschlossen von sich. Wurde sich dann sofort im Nachhinein bewusst, dass die knappe Antwort vielleicht doch ein wenig zu schnell gekommen war, fügte deshalb noch mit einem verhaltenen Räuspern hinzu: „Ich meine... ich wäre dir dankbar, wenn du das tun würdest." Nicht, dass ihn diese Geste beruhigen würde – obwohl, vielleicht ein wenig. Vermutlich allerdings auf andere Weise, als Nirah vermutete.

Eine Sache gab es jedoch, die ihm abermals einen Ausdruck des Missmutes bescherte. Das Ritual würde lange dauern? Na das waren ja großartige Neuigkeiten... Notos gab ein kurzes, müdes Schnauben von sich, als die Heilerin ihm die Idee unterbreitete, er könne sich schlafen legen. Als ob er das in dieser Situation tun könnte. Aber wo sie dabei war...Einen Versuch startete er noch. „Muss ich mich wirklich hinle... anscheinend ja". Seine letzte Gegenwehr endete mit einem ergebenen Seufzen, als er Nirahs eindeutigen Blick bemerkte. Sein bisheriges schwaches Lächeln war nun gänzlich verschwunden, machte einer mehr gequälten Variante Platz. „Gut", meinte er kapitulierend, „gib mir einen Moment, bitte."

Erneut zog Notos die Stiefel aus, hielt danach für eine Weile mit einer Hand den metallischen Anhänger umklammert, die Augen fest geschlossen. Mochten die Götter sie schützen... Sein Blick schweifte vergewissernd nach oben zum Schrank, bevor er sich einen Ruck gab und sich letztendlich wirklich nach langem Hadern aufs Bett legte. Jedoch immer noch mit der Schwertscheide dicht neben sich gelegt, unfähig, sich selbst jetzt von der Waffe zu trennen. Es dauerte diesmal lange, bis er das Aufflimmern seiner eigenen Aura sah. Viel zu verwirbelt, viel zu flackernd. Und es dauerte mindestens nochmal so lange, bis er mittels Atemübungen die Wogen seiner inneren Unruhe glätte. Erst als ein altbekannter flammenfarbenes Leuchten neben ihm langsam wahrnehmbar wurde, entschloss er sich, dass er es wohl nicht länger hinauszögern konnte. Während eine Hand auf dem Behälter seiner Waffe ruhte, tippte er mit der anderen Hand auf seine Brust. „Ich wär wohl soweit."
Lass es uns hinter uns bringen...



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Saphyr

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Re: The Headwinds - Handlung

von Saphyr am 12.10.2022 00:09

"Ich hoffe du erstickst an den Feuerbeeren, die ich dir gegeben habe." fauchte Nirah sofort als Antwort. Sie wusste, dass es wieder nur ein dummer Spruch war. Doch ihre Verärgerung saß noch tief. Ihr Blick wanderte unwillkürlich zu dem Band mit Steinen, welches um ihr Handgelenk gewickelt war. Noch trug sie es eng an sich, sodass es möglichst nichts anderes berührte außer ihre Haut - und später auch Notos'. Es hatte einen Grund, warum die Steine in Erde gelagert wurden. Sie mussten die Energie während des Rituals mit einem klaren Ziel leiten und nicht von anderen Einflüssen beeinträchtigt werden. Das sollte sie nicht mit ihrer eigenen Unruhe zunichtemachen. 
Nirah zwang sich ein paar Mal ein- und auszuatmen, um ihren persönlichen Frust niederzukämpfen. "Es ist ganz sicher nicht nötig, Donnerschwinge." fügte sie mit mühsamer Ruhe hinzu. "Das reicht völlig. Ob du es glaubst oder nicht, ich schätze bereits diesen Anblick nicht gerade." stichelte sie und deutete mit einem abschätzigen Blick auf seine Erscheinung. Bevor sie es verhindern konnte, versuchte sich einer ihrer Mundwinkel an dem Hauch eines Lächelns. Dabei waren seine Tätowierungen wirklich erstaunlich hübsch. Wieder zog der kleine Vogel ihre Aufmerksamkeit auf sich. Nein, das war nicht gut. Sie sollte sich nicht auf dieses ständige Geplänkel einlassen. Nicht, wenn sie eigentlich noch sauer auf seine unverschämten Aktionen sein sollte. 

Mit einem Kopfschütteln vertrieb sie ihre Gedanken und bestätigte dann wortlos nickend Notos' Feststellung. Edelsteine waren eines von vielen möglichen Hilfsmitteln bei Zaubern. Sie fanden hauptsächlich bei persönlichen Dingen wie Heilung ihre Anwendung. Manchmal auch für Beruhigung, Schlaf und Hilfe bei mentalen Problemen. Auch wenn man manchen Steinen Schutzwirkungen nachsagte, wurden sie für andere Rituale kaum genutzt. Einige Wächter verwendeten sie gar nicht und viele der Patienten verstanden es nicht. Doch Nirah spürte, wie die Energie auf ihre Anwesenheit reagierte und war überzeugt von ihrer Wirksamkeit. Sie halfen ihr, die Konzentration auf ein bestimmtes Ziel zu lenken. Warum auch nicht? Sie waren genauso Teil der Erde, der Umgebung wie jeder Baum, Fluss oder Findling. Auch diese Dinge wurden manchmal für spezifische Zwecke genutzt. 

Langsam drang die Hitze durch die Schale in ihrer Hand, während sie hinter Notos her nach drinnen trottete. Vorsichtig balancierte sie die glühenden Kohlen. Die ersten Flämmchen fraßen sich durch die Holzsplitter oben, verglommen aber gleich wieder. Sobald sie das Zimmer betraten, stellte sie die Schale auf eine Ablage neben dem Bett, den Korb auf den Boden. Nirah beobachtete kurz die immer wieder auflodernden Flämmchen und entschied dann, dass sie klein genug waren. Sie legte das vorbereitete Kräuterbündel, auf die Kohle. Wenig später breitete sich bereits der Duft: Verbrannt und trotzdem mit einem Hauch Würze. Sorgfältig stellte sie sicher, dass die Kräuter nicht sofort verzehrt wurden, sondern nur langsam vor sich hin glimmten. 

Ihr eigener Name ließ Nirah den Kopf von ihrem Werk abwenden. Notos saß bereits auf dem Bett. Saß, wohlgemerkt. Er sah aus irgendeinem Grund nicht zufrieden mit seiner Lage aus. Seine Haltung war angespannt. Und seinem Gesicht fehlte der Ausdruck von Belustigung, den er vorhin zur Schau getragen hatte. Bei seiner Warnung fiel ihr Blick sofort auf das Geflecht aus Adern an seiner Seite bis hoch zu seinen Rippen. Sie kam einen Schritt näher und musterte es eingängig, zog dann die Augenbrauen zusammen.
"Es ist schon wieder größer geworden." stellte sie fest. Aggressiv war diese Magie auf alle Fälle. Ein Grund mehr, warum es sich trotz allem gelohnt hatte, ihn dazu zu bringen, sich behandeln zu lassen. Allerdings konnte sie sich nicht vorstellen, dass es auf sie übergreifen könnte. Vor allem nicht wie. 

Sie entgegnete Notos' besorgtem Blick mit derselben Ernsthaftigkeit. Wenn er sie so nachdrücklich warnte, hatte das sicherlich einen Grund. "Keine Sorge. Ich werde deine Wunde nicht direkt anfassen." versuchte sie ihn zu beruhigen. "Das ist für die Heilung nicht notwendig."
Ein schweres Seufzen erklang. Machte er sich auch immer noch Sorgen um "vergiftete Energien"? 
"Und ich werde darauf achten. Versprochen. Wie gesagt ... ich bin in der Lage sehr genau zu spüren, was geschieht. Falls ich tatsächlich einen schädlichen Einfluss wahrnehme, breche ich das ganze ab und ich überlege mir etwas anderes. Aber ich versichere dir, das wird nicht passieren."

Wieder sah sie sich die dunkeln Verflechtungen an, hatte eigentlich kaum die Augen davon abgewandt. "Weißt du, das sieht wirklich nicht gut aus. Ich möchte wenigstens versuchen, dir damit zu helfen. Das ist wichtig." Sie probierte sich an einem beruhigenden Lächeln, unsicher, ob es die geplante Wirkung hatte. "Ich weiß, was ich tue, okay?", sagte sie sanft. Ihn hierzubehalten, war Eigennutz. Eigennutz, der sie das letzte bisschen ihrer Nerven kosten würde. Aber ihr Wunsch, ihm mit der Verletzung zu helfen, entsprang ihrer inneren Überzeugung. In diesem Moment meinte sie jedes einzelne Wort ernst. Aufrichtig.

Überrascht beäugte sie den Ring, den Notos ihr entgegenstreckte. Es dauerte einige Sekunden, bis sie das Material einordnen konnte. Er war aus Stein. Er war ihr nicht sehr geläufig, doch nach etwas Bedenkzeit glaubte sie ihn zu erkennen. Roter Jaspis? Nirah sah ihn fragend an. Schutz.
Notos wollte ihr Schutz anbieten? Sie hatte unterschätzt, wie sehr er sich sorgte. Unsicher, was gerade dieser Stein bringen sollte, zögerte sie. Noch nie hatte sie ihn selbst genutzt, nur einmal während Weißhaars Lehren gesehen. Schließlich pickte sie das Schmuckstück von seiner Hand. Es würde sich nicht negativ auswirken, also konnte sie die Geste genauso gut annehmen. Erstaunlicherweise nahm sie diese als wirklich gut gemeint wahr. Unnötig, aber gut gemeint. 

Sie steckte sich den Ring erst auf den Zeigefinger, dann auf den Daumen der freien Hand. Er war eindeutig zu groß für ihre Finger. Aber er würde schon nicht herunterfallen. Insbesondere, da sie gedachte, eben diese Hand Notos' anzubieten. Das war ein guter Zeitpunkt, um die grundlegenden Fragen zu klären.
"Ich werde dich während des Rituals berühren und da du es nicht kennst ... Bist du empfindlich gegenüber bestimmten Berührungen?", fragte sie und war bereits voll und ganz in ihrer Rolle als Heilerin. Für den Erfolg des Rituals war es wichtig, dass der Patient sich nicht unwohl fühlte. Das störte, brachte Unruhe in den Prozess. Wie sie selbst waren einige Menschen in manchen Dingen sensibel.
"Ich würde gerne eine Hand auf deinen Bauch, direkt unterhalb des Bauchnabels legen. Außerdem biete ich dir an, mit der anderen deine zu nehmen und sie etwa auf Herzhöhe abzulegen. Es hilft mir deine Position besser einschätzen zu können und es wirkt beruhigend. Falls du trotzdem während des Prozesses unruhig werden solltest, vielleicht sogar panisch, kannst du mir so ein kurzes Druckzeichen geben. Dann gebe ich dir etwas Raum oder höre auf." Sie hatte alles schon erlebt. Das lange Stillliegen löste in Manchen irrationale Ängste aus. "Ist das für dich in Ordnung? Ich kann auch etwas anders machen."

Nirah überlegte kurz. Was sollte sie noch jemandem sagen, der nicht wusste, was auf ihn zukam? "Ich werde sehr lange für das Ritual brauchen. Je länger, desto wirkungsvoller. Wenn es dir lieber ist, kannst du dabei schlafen. Hm ... Ja, ich denke, das ist das Wichtigste. Es wird nicht viel mehr geschehen. Ich werde nur still sitzen und mich konzentrieren." erklärte sie. "Deshalb ist es besser, wenn du liegst." betonte sie, begleitet von einer klaren Aufforderung in den Augen. Innerlich war sie bereits vollständig damit beschäftigt, sich mental vorzubereiten, die nötige Entspannung herzustellen. Wie immer verflog in diesen Augenblicken alles andere. Persönlicher Groll, Unruhe, Gedanken an etwas anderes außer das Ritual.


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Antworten Zuletzt bearbeitet am 12.10.2022 00:19.

Zladune

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Re: The Headwinds - Handlung

von Zladune am 11.10.2022 00:48

Ein donnernder Knall ließ Notos verwundert den Blick zurückwerfen, noch bevor er den Waldrand erreicht hatte. Der beinahe zeitgleich erfolgende schrille Ton der puren Frustration erlaubte keine großen Zweifel, woher dieses Geräusch kam. Nirah. Hatte sie Schmerzen? Oder... nein, sie hatte doch nicht etwa... Belustigt hob er eine Braue in die Höhe, als er verstand, dass die Heilerin dem Anschein nach gerade nach besten Kräften versucht hatte, sich einige Knochen in ihrem Fuß zu brechen. Ein verletztes Bein reichte wohl nicht aus. „Falls du die Tür öffnen willst, würde ich die Klinke benutzen, meine Liebe. Habe gehört, die ist absichtlich wegen solchen Situationen angebracht worden", rief er ihr in neckender Manier zu, ehe er sich erneut mit einem amüsierten Kopfschütteln von ihr abwandte.

Ihm war klar, dass er gerade ein wenig mit dem Feuer spielte. Aber wann tust du das auch nicht, Donnerschwinge. Verbrenn dich bloß nicht. Ein leichtes, verschmitztes Lächeln umspielte seine Lippen. Eines, wie sie es wohl auch damals getragen haben musste. Es währte auch dann noch, als ihm Nirah nachträglich laut zuschrie, dass er sich gefälligst beeilen sollte. Ihre Stimme ein Tick zu hoch, ein Tick zu wankend. Er hob darauf ohne sich umzudrehen nur nonchalant eine Hand, imitierte bei seiner Antwort die exakt gleiche witzelnde Tonlage wie zuvor am See: „Dein Wunsch ist mir Befehl."

Dann verschwand er auch schon wieder im Wald. Wurde dabei begleitet von einem lauten Krachen, welches ihn instinktiv den Kopf etwas zwischen die Schultern sinken ließ. Erfahrungsgemäß, wenn eine Frau derart tobte und man selbst der Auslöser war, sollte man eigentlich lieber das Weite suchen. Erst recht, wenn diese bissige Dame eine Heilerin war. Die ihn wohl allem Anschein nach bald behandeln würde. Allerdings war er sich sicher, dass sich Nirah wieder einfangen würde. Wie immer bisher, als er ihren Stolz etwas angekratzt oder ihr einen kleinen Schrecken eingejagt hatte. Und selbst wenn nicht... ein Hauch eines Lächelns erschien auf seinem Gesicht. Nun, in dem Fall würde er wohl ihre bewundernswerte Professionalität auf die Probe stellen.

Ein sanftes Schmunzeln zierte Notos' Züge, kaum dass er am See ankam. Die Erinnerungen an die vergangenen letzten Minuten hafteten sich sofort an ihn, nisteten sich in seinem Kopf ein, malten dort lebhafte Bilder. Es fiel ihm schwer, das warme Gefühl der unverfälschten Freude niederzukämpfen. Er konnte es immer noch zu gut vor sich sehen. Nirahs Unfähigkeit, ein ordentliches Wort von sich zu geben, als er seine Weste im Wasser versinken ließ. Ihr erschrockener Aufschrei, als er sie unvermittelt hochgehoben hatte. Das offensichtliche Hadern, die Verlegenheit, die jede ihrer Bewegungen prägte. Egal wie man es drehen und wenden würde – sie war unheimlich niedlich. Mehr als ihr wohl bewusst war. Und mehr als ihm offensichtlich gut tat. Warum sonst hätte er auf ihre vorgeschlagene Abmachung eingehen sollten?

Kurz bückte er sich, um einen erneuten, vermutlich recht fruchtlosen, Versuch zu starten, das Blut aus seiner Weste auszuwaschen. Das gutmütige Lächeln beherrschte weiterhin seine Miene, nahm jedoch langsam einen abwesenderen Hauch an. Nirah war anders. In so vielen Aspekten. Und doch... manchmal... Er hatte nicht erwartet, dass sie wirklich über ihren eigenen Schatten springen würde. Dabei ihren für sie so wichtigen Stolz herunterschluckte. Für etwas so Nichtiges, wie es eine Heilung seiner Wunden war. Beinahe war er von ihrem eisernen Willen beeindruckt. Dabei war ihr an den Augen abzulesen gewesen, wie sehr ihr die bloße Idee widerstrebte. Als er sie auf den Schultern getragen hatte, hätte sie ihn dann allerdings sogar beinahe zum Stolpern gebracht, so ängstlich, wie sie sich an ihn geklammert hatte. Nur um ihn danach zornig anzufahren. Habe ich dir schon gesagt, dass ich dich nicht ausstehen kann? Er hatte nur ausgelassen genickt, ohne sein fröhliches Summen zu unterbrechen. Selbst jetzt trieb ihr aufgebrachtes Grummeln ein Schmunzeln auf sein Gesicht.

...Sie hatte damals eine sehr ähnliche Wortwahl getroffen, nicht wahr? Wie schnell sich die Dinge doch geändert hatten. Für einen winzigen Moment fiel sein Blick auf die Oberfläche des Sees. Das Wasser so klar und ruhig, dass keine einzige Welle sein Spiegelbild trübte. Seine Hand wanderte zu den blassen, hellen Markierung nahe seiner Augen. Berührte mit zwei Fingern sachte das kaum erkennbare, durchsichtige Muster. Eines seiner Markenzeichen. Nur um danach mit einer abrupten Bewegung seine Hand weiterwandern zu lassen, dabei ein paar verirrte Haarsträhnen hinter sein Ohr zu streichen. ...Er musste es verhindern, dass Nirah bei der Behandlung zu Schaden kam. Irgendwie.

In den nächsten paar Minuten hatte Notos seine Habseligkeiten aufgesammelt und wanderte mit seiner Waffe in der Hand zurück zu den Quartieren. Seine Begleiterin wandte sich demonstrativ von ihm ab, als er seine erkorene Hütte betrat. Er überließ sie ihrer eigenen Eingeschnapptheit, betrat nur schnell sein Zimmer, um seine Hellebarde an den massiven Schrank anzulehnen. Er würde sie in den nächsten Stunden vermutlich nicht benötigen. Mal davon abgesehen, dass er sich auch ohne sie gut zu verteidigen wusste. Sein inzwischen trockenes Hemd wanderte ebenfalls in den Holzschrank, den Rest seiner Montur hing er recht lieblos über die Stuhllehne. Es würde in der hitzigen Schwüle hier schon irgendwie trocknen. Ebenfalls entdeckte er bei seinem kurzweiligen Rundgang eine neue Sache: Weitere Kleidungsstücke auf dem Tisch. In denselben naturgedeckten Farben, wie Nirah sie trug. Und in seiner Größe. Er widmete diesen aber keine große Aufmerksamkeit. Wären sie in irgendeiner Weise für ihn bestimmt gewesen, hätte seine Begleiterin oder ihr Mentor wohl etwas gesagt.

Notos verließ die Hütte beinahe so schnell, wie er eingetreten war. Die Tür ließ er dabei sperrangelweit offen. Nirah gedachte ihn scheinbar weiterhin geflissentlich ignorieren zu wollen. Wenn es ihr half.... Dennoch kam er nicht umhin, für einen Moment in seiner Bewegung innezuhalten. Mit gerunzelter Stirn fixierte er den hölzernen Behälter, den die Heilerin neben sich gelegt hatte. Starrte ihn mit solch einer Intensität an, als würde er so mit bloßem Blick ins Innere sehen können. Dann verfing sich auf einmal ein Funken des Erkennens in seinen Augen und er wandte sich wortlos ab. Ging stattdessen um die Hütte rum, verschwand dort für eine Weile, bevor er mit ein paar Holzscheiten im Arm zurückkehrte und sich zum Feuerplatz aufmachte.

Mit dem Rücken zu Nirah wollte er sich daran machen, wie versprochen ein Feuer zu entzünden – und registrierte dabei endlich, dass er keinen Feuerstein mit dabei hatte. Oder anderweitige Ausrüstung, welche bei dieser Aufgabe helfen würde. Missmutig verzog er das Gesicht, sah unschlüssig über seine Schulter. Nirah sprach nicht mit, sie zu fragen fiel also aus. Vermutlich würde sich etwas in der Hütte finden lassen. Allerdings... wenn er daran dachte, wie aufwändig es wäre, ein Feuer ohne kleinere Hilfestellung mit einem Feuerstahl und -stein zu entfachen. Wie sehr seine Seite bei jeder unnötigen, winzigen Bewegung protestieren würde. Wie langwierig der ganze Prozess wäre...

Kurzentschlossen hielt Notos einfach seine Hand in das Innere des kleinen Holzhaufens. Ließ das altbekannte, helle Flackern seine Finger umspielen, bis die Funken sich im Zunder und den trockenen Ästen verfingen. Er besaß einfach gerade nicht die Geduld dazu, sich mit dem Entzünden des Feuers mehr als nötig auseinanderzusetzen. Dafür war er auch gewillt, das sofortige Brennen seiner Wundränder in Kauf zu nehmen, welches diese Energieausgabe unmittelbar bestrafte. Er würde ja sowieso scheinbar bald geheilt werden, richtig? Seine sarkastischen Gedanken halfen nicht bei dem mulmigen Gefühl in seiner Magengrube, welches langsam anwuchs. Genau wie die violetten Adern auf seiner Haut.

Den Rest der Zeit verbrachte Notos stillschweigen an der Hüttenwand gelehnt, beobachtete Nirah aus sicherer Entfernung bei ihrem Tun. Kurz vermeinte er, dass etwas aufblitzte und lautlos ins Innere des Quartiers rauschte, als die Heilerin mit einer Schüssel vor dem Feuer kniete. Aber er schenkte dem nicht viel Aufmerksamkeit. Dafür hatte er doch etwas mehr als erwartet mit dem Pulsieren an seiner Schläfe und an seiner Seite zu kämpfen. Wenn ihm das bereits trotz Vorkehrungen so sehr zusetzte, wie würde dann erst Nirah...

 

Meine Vorbereitungen sind beendet. Notos sah auf, erwiderte die beherrschte Miene seiner Begleiterin. Also war es doch schon so weit. Wenn er sich nicht alleine für den Gedanken schämen würde, wäre er am liebsten einfach gegangen. Abmachung hin oder her. Die Lippen fest aufeinandergepresst, wurden seine Züge erst weicher, als er den unverkennbaren Groll aus der Stimme der Rothaarigen heraushörte. Ein schwaches Grinsen schlich sich auf sein Lippen, als er kurz an sich herabsah: „Ich kann mich auch noch mehr ausziehen, falls es nötig wäre." Eine Aussage so aufrichtig wie witzelnd. Und doch schaffte sie es nicht, seine Bedenken zu verwischen.

Sein Blick wanderte zu der Schale und den Korb in ihren Händen. Blieb an dem mit Edelsteinen besetzten Armband um ihr Handgelenkt hängen. Citrin und Amethyst. Unwillkürlich entspannte sich seine Haltung ein wenig. Hatte er sich doch nicht getäuscht. „Ihr benutzt also auch Edelsteine für die Heilung." Eine einfache Feststellung. Weder Abneigung noch Überraschung war rauszuhören. Vielleicht ein klein wenig an Zufriedenheit und Anerkennung. Es gab ihm zumindest genug Zuversicht und Ruhe, um sich mit einem Ruck in Bewegung zu setzen.

Er ging als Erster in die Hütte rein. Seine Schritte unsicher, die Miene ernst. Da sie alle Hände voll zu tun hatte, öffnete er Nirah die Tür und bat sie mit einer Handbewegung ins Zimmer – und registrierte dabei, dass der Kleiderstapel, der vorher auf dem Tisch gelegen hatte, fehlte. Automatisch ließ er seine Aufmerksamkeit schweifen, bis diese am Schrank hängen blieb. Ein einzelner, verloren wirkender Ärmel hing über der Kante. Und wurde plötzlich lautlos zurückgezogen. Goldene Augen starrten ihn von oben an, ehe ein leises Tapsen von Pfoten über Holz den Rückzug des Eindringlings ankündigte. Sanft schmunzelnd wandte Notos den Kopf ab. Sah dann zu Nirah rüber, die sehr beschäftigt mit... was auch immer war.

Sofort verstärkte sich seine innere Anspannung wieder, als er sich mit einem stummen Seufzen auf das Bett niederließ. In einer sitzenden Position begann er langsam, seine kleineren Reisetaschen vom Gürtel zu entfernen. Zum Hinlegen, wie seine Begleiterin ihn aufgefordert hatte, konnte er sich momentan einfach nicht bringen. Genauso wie er sich nicht von seinem Schwert trennen konnte, welches er nach einem langen Hadern neben sich gelegt hatte. Eine Hand ruhte auf der Scheide, musterte diese bedächtig. Als würde ihm dieser Anblick die benötigte Ruhe und Kraft schenken. Schließlich wand er sich auch davon ab. „Nirah." Ein Schatten der Sorge huschte über sein Gesicht, als er die Heilerin ernst fixierte. Darauf wartete, dass sie ihm wirklich ihre vollste Aufmerksamkeit schenkte. Die nächsten Worte kamen jedoch nur schwerfällig über seine Lippen. „Die Magie, welche für meine Wunde verantwortlich ist... sie ist äußerst aggressiv. Kann schnell bei direktem Kontakt auf andere Menschen übergehen."

Seine Finger lösten sich von der Schwertscheide, umfasste stattdessen seine andere Hand. „Versprich mir bitte, dass du sofort aufhörst, wenn du bemerken solltest, dass etwas nicht stimmt." Er sah ihr fest in die Augen. Analysierte jede kleinste Regung in ihrem Gesicht. Bereit, sofort aufzuspringen und zu gehen, sollte seine Begleiterin ihn anlügen oder den Ernst der Situation nicht begreifen wollen. „Und... es wird wohl nicht sonderlich viel helfen, aber...". Notos streckte ihr seine Hand entgegen. Ein runder Ring aus reinem, erdig roten Jaspis war auf der offenen Handfläche zu erkennen. Derselbe Ring, der vor wenigen Augenblicken noch auf seinem eigenen Finger zu sehen gewesen war. „Es wäre mir lieber, wenn du das hier bei dir tragen könntest. Ein wenig mehr Schutz kann nie schaden, richtig?" Das aufmunternde Lächeln, an dem er sich versuchte, verlor dank der klaren Unruhe in seiner Ausstrahlung jedoch einiges an Glaubwürdigkeit.



Antworten Zuletzt bearbeitet am 11.10.2022 16:59.

Saphyr

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Re: The Headwinds - Handlung

von Saphyr am 09.10.2022 23:24

Wie gerne würde Nirah ihm das breite Grinsen aus dem Gesicht wischen. Sie hatte gute Lust dazu. Nur wie? Es lag allein in ihrer Verantwortung, dass sie nun ein gefundenes Fressen für Notos' nervtötende Ader war. Im umgekehrten Fall wäre sie wahrscheinlich ebenso amüsiert. Es gab kein Entrinnen....
Der einzige Trost war, dass er wohl nicht ewig hier bleiben würde. Niemand anderes würde davon erfahren, dass sie sich herumtragen ließ wie ein kleines Mädchen. Mit dem einzigen Grund, ihre Künste als Heilerin und direkt auch noch ihren Stolz anzubieten. Niemals. Auf gar keinen Fall.
Dann könnte sie die ganze Sache irgendwann vergessen. Vielleicht. Es lag ihr jetzt schon schwer im Magen, bevor es auch nur angefangen hatte. 

Lediglich ein tiefes Knurren, auf das jedes wilde Tier stolz gewesen wäre, entkam ihr, während Notos seinen Kopf in einer verspottenden Verbeugung senkte. Dein Wunsch ist mir Befehl. Aber natürlich.
Sie hatte sich geirrt. Es hatte längst begonnen. In dem Moment als ihr das leise "Trag mich" über die Lippen gekommen war. Hoffentlich hielt er sein Wort und ließ sich behandeln. Ein Knurren wäre nicht das einzige Raubtierhafte, das andernfalls von ihr ausgehen würde.

Völlig starr wartete Nirah ab, bis Notos seine Materialien verstaut und seine Schuhe angezogen hatte. Schließlich atmete sie erleichtert auf, als er nach dem dunklen Stoff griff, an dem er gearbeitet hatte. Ein Stück seiner Montur, das noch trocken war. Sie erkannte, dass es die Weste sein musste, die er ganz oben getragen hatte. Das Teil, dessen Material ihr so unbekannt vorgekommen war. Der heiligen Mutter sei Dank. Etwas Kleidung, egal welche, war besser als keine. Dann könnte sie sich wenigstens einreden, eigentlich gar nicht so nahe an ihm dran zu sein, wenn er sie mit sich herumschleifte. 

Zum zweiten Mal in sehr kurzer Zeit blieb Nirah der Mund offen stehen, als das rettende Kleidungsstück plötzlich an ihr vorbeiflog, statt an Notos' Oberkörper zu landen. Sie sah ihn in sprachlosem Unverständnis an. Er hatte nichts Trockenes zum Anziehen? Ihr Blick schnellte zurück zur Weste, die bereits im flachen Wasser versank. Jetzt nicht mehr.
"
Du ... du hast ..." Die Worte kamen nur als ersticktes Keuchen heraus, kaum als solche identifizierbar. Dieser verdammte ... Auch in Gedanken fehlten ihr die Worte. Ihr fiel keines ein, das nur ansatzweise beschrieben hätte, was sie von ihm und seiner Aktion hielt. Absicht, volle Absicht. 

Sie klappte den Mund wieder zu. Mit geballten Fäusten stand sie einfach nur da, während Notos mit seiner Waffe aus ihrem Sichtfeld verschwand. Nein, noch machte sie keinen Rückzieher. Das war bestimmt, was er von ihr erwartete. Aber es würde alles nur noch mehr ins Lächerliche ziehen. Je unbeeindruckter sie sich gab, desto eher konnte sie den Anschein von Würde wahren. 
Ein erschrockener Aufschrei entwich ihr in dem Moment als ihre Welt kippte. Ihre Füße wurden vom Boden gerissen. Verschwommenes blau und grün wechselte sich ab. Mit einem weißen Fleck in der Mitte, unter dem ein bekanntes Lächeln prangte. Nirah schwankte ein paar Schritte zur Seite, nachdem sie auf dem Boden abgesetzt wurde. Völlig verwirrt versuchte sie ihr Gleichgewicht wiederzufinden, wankte wieder zurück. Und realisierte erst jetzt, dass Notos wieder einmal den Idioten heraushängen ließ. Wenn er in etwas gut war, dann darin. Sie kniff die Augen zusammen und funkelte ihn böse an. Doch noch immer waren ihre Beine wackelig und in ihrem Magen brannte ein flaues Gefühl. Bevor sie ihn ausführlich verfluchen oder sich gar beschweren konnte, ließ er sich vor ihr nieder. Auf seinem Rücken getragen zu werden, war von allen Möglichkeiten sicherlich die beste. 

Wenig später ragte sie an Notos geklemmt über der Erde auf. Der Weg dorthin hatte aus einer Mischung aus Unbeholfenheit und peinlich berührtem Zögern bestanden.
Und Nirah wusste einfach nicht, wohin mit ihren Händen. Erst hatte sie versucht, sich nur mit den Fingerspitzen am äußersten Rand seiner Schultern abzustützen und sich ansonsten weit von ihm weg zu lehnen. Damit sie ihn möglichst wenig berühren musste.
Es hatte nur ein paar Schritte gebraucht. Und die irrationale Angst, jeden Moment herunterzufallen. Da hatte sie sich auch schon reflexartig, fast panisch, mit den Armen um seinen Hals geklammert wiedergefunden. Direkt danach hatte sie sich ruckartig wieder von ihm gelöst und mindestens die Hälfte der Strecke gebraucht, um eine Position zu finden, die irgendwie akzeptabel war. Sie konnte nicht einmal ihre Handflächen mit ihren Ärmeln bedecken, da solche an diesem Oberteil quasi nicht existierten. Schließlich arrangierte sie sich damit, doch richtig seine Schultern zu umfassen und dabei die Zähne zusammenzubeißen. 

Das Ganze, das Getragenwerden, die Wärme an jeder Stelle wo sie Notos berührte, das Gefühl von sich bewegenden Muskeln direkt an ihr ....
Es war entwürdigend. Beschämend. Frustrierend. Irritierend. Alles gleichzeitig. Erst als die Hütten in Sicht kamen, überdeckte langsam eine schwelende Wut die anderen wirbelnden Eindrücke. 
"Habe ich dir schon gesagt, dass ich dich nicht ausstehen kann? Hass ist ein zu geringes Wort für das Ausmaß meiner Abneigung. Vergiss das mit dem See, ich nehme es zurück. Ich kann nicht glauben, dass ich es sogar in Betracht gezogen habe ... Für die ganz Schwachsinnigen unter uns, ich mag dich nicht. Kein winziges bisschen." zischte sie ihm von hinten ins Ohr und krallte dabei ihre Fingernägel in sein Fleisch. Ein weiterer Schwall gemurmelter Worte des Ärgers und der Ablehnung begleiteten sie durch das stetige Gesumme hindurch, bis Notos sie endlich absetzte. 

Nirahs Knie fühlten sich weich an und ihre Hände zitterten im Takt ihres Herzschlags, sobald sie nichts mehr zum Festhalten hatten. Als würden alle Nervenenden gleichzeitig auf die Barrikaden gehen. Den sanften Druck auf ihrem Scheitel spürte sie kaum noch bewusst. Er heizte lediglich ihre verzweifelte Empörung an. Es war zu viel. Weg, einfach weg. Sie machte auf der Stelle kehrt und stapfte langsam humpelnd zu einer der Hütten. Notos' Stimme war nichts weiter als ein Hintergrundgeräusch vor dem Rauschen ihrer eigenen Ohren. 
Vor der Tür holte sie mit dem gesunden Bein aus und trat mit Schwung dagegen. Das Krachen wurde begleitet von einem wortlosen Aufheulen der Frustration. Leider war das Holz recht stabil und bewegte sich nicht. Nirah hing sich beinahe mit ihrem ganzen Gewicht an die Türklinke.

Bin gleich wieder da. Sie hielt inne, einen Fuß bereits im Gebäude. Verschwinde einfach, zischte ihre innere Stimme gehässig. Sie wagte nur einen Blick nach hinten. Notos war bereits auf dem Rückzug, bewegte sich auf die Baumreihe zu und war kurz davor wieder davon verschluckt zu werden. 
"Beeil dich gefälligst und mach dann ein Feuer!", brüllte sie ihm mit etwas zu schriller Stimme hinterher. Dann trat sie über die Schwelle und schlug die Tür mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, hinter sich zu. 

Es dauerte länger als es sollte, bis Nirah ihre Fassung zurückgewonnen hatte. In dieser Zeit ging sie unruhig den Gang zwischen den beiden Zimmern auf und ab. Irgendwann setzte sie sich auf einen Hocker und starrte das große Regal mit den Heilerutensilien an. Lange. Die Wut ebbte nur langsam ab. Die Frustration blieb. Ebenso wie das Gefühl von Beschämung. Nicht wegen Notos, sondern wegen sich selbst. 
Es war nichts Schlimmes passiert, oder? Es war alles nur ein dummer Scherz von Notos gewesen. Sie sollte nicht so stark reagieren, kam aber nicht umhin, es zu tun.
Dafür hatte er jetzt keine Entschuldigung mehr, sich zu entziehen. Vielleicht reichte es wirklich aus, ihm die Behandlung, die er brauchte, zukommen zu lassen. Dann könnte sie ihn auf der Stelle fortschicken. Das wäre das Beste. 

Dieser Gedanke befähigte sie dazu, ihre Arbeit zu beginnen. Sie zog einen kleinen Korb aus einer Ecke und etliche Behälter aus dem Regal. Getrocknete Kräuter, Bänder aus Leder und Stoff, Verbände, eine Schale aus feuerfestem Material, Tiegel mit Salben, mehrere schwere Behälter gefüllt mit Erde und kantigen, vielfarbigen Steinchen. Es war insgesamt mehr als sie brauchen würde. Doch sie musste sich noch für die richtige Kombination entscheiden. Die Verletzung entsprach nichts, was sie in der Form kannte. Deshalb suchte sie zusammen, was entfernt mit Vergiftungen zu tun hatte. 

Als sie zufrieden mit ihrer Auswahl war, wagte sich Nirah aus der Hütte nach draußen, den Korb in der Hand. Sie war innerlich bereits abgekühlt, aber noch immer nicht recht in einem Zustand, den man als Ruhe bezeichnen könnte. Die Wände um sie herum und das gedämpfte Licht war ihrer Konzentration nicht zuträglich. Sie brauchte frische Luft, sanften Wind in den Haaren, Sonne auf der Haut. Es würde ihr helfen. Trotz der Tatsache, dass Notos wohl dort war.
Nirah ignorierte ihn demonstrativ, achtete nicht darauf, ob er sich auch wirklich um das Feuer kümmerte und setze sich auf eine der Bänke. Den Korb stellte sie neben sich. 

Zuerst nahm sie sich die Kräuter. Nirah öffnete ihre Wahrnehmung für die Energien um sich herum, ließ sie auf sich einströmen. Langsam übergab sie ihrem Bauchgefühl die Kontrolle.
Etwas Brennnessel, ein Stiel Salbei und Rosmarin auf einen Haufen. Sie verzichtete nach einem kurzen Zögern darauf, weitere Kräuter zur Verstärkung der passenden Salbe auszuwählen. Die Salbe war frisch und sollte so schon sehr wirkungsvoll bei der Heilung der Wunde sein. Stattdessen schnürte die anderen drei mit einem Stoffstreifen zu einem kleinen kompakten Bündel und legte es beiseite.

Als Nächstes widmete sich Nirah den Behältern. Sie sah sie nur an. Sie sollte sie nicht mehr als nötig öffnen. Kleine auf dem Holz eingeritzte Zeichen verrieten ihr, was sich darin befand. Citrin und ... hatten sie vielleicht sogar einen Amethyst? Ja tatsächlich. Als sie den Behälter öffnete, fand sie zwei winzige Splitter des violetten Steins in der angehäuften Erde. Im Sonnenlicht glänzeten sie nur matt. Die Kanten waren ungeschliffen, in ihrer natürlichen Form. Sie befreit die Steine mit den Fingerspitzen von der Erde und ließ sie in ihre Handfläche fallen. Gleich drei Stücke Citrin folgten. Nirah verschloss die Behälter sorgfältig und legte sie zurück in den Korb. 
Stattdessen zog sie mehrere lange Lederstreifen hervor. Mit geübten Bewegungen knüpfte sie aus diesen ein Band, das entfernt manchen Schmuckstücken glich, die um Arme und Knöchel getragen wurden. Der Unterschied war, die kleinen Steinchen die abwechselnd darin befestigt wurden. Angefangen und beendet mit Citrin. 

Nirah ließ sich Zeit für ihre Arbeit. Sie hatte keinen Zeitdruck, Notos würde nicht jeden Moment sterben. Das Band wuchs stetig bis sie es schließlich mit einem Knoten abschloss. Es war lang genug, um es sich zweimal um die Hand zu schlingen. Damit waren die Vorbereitungen beinahe beendet. 
Zufrieden bemerkte sie die Wärme, die vom Feuerplatz auf ihr Gesicht und ihre Knie traf. Gut, auch das Feuer war weit genug. Nirah verschwand ein weiteres Mal in der Hütte, verstaute dort alle nicht benötigten Utensilien. 

Auf einem Bein kniete sie sich vor das Feuer, die Schale in der Hand. Sie wandte das Gesicht zur Hälfte ab um es nicht direkt der Hitze auszusetzen. Mit einem Stock stocherte sie im Feuer herum, zog etwas Glut in ihre Richtung bis sie diese in ihre Schale schieben konnte. Die glühenden Kohlen bedeckte sie mit kleineren Stücken Holz, die bald schon die Hitze an sich nehmen würden.

Erst dann sah Nirah das erste Mal auf um nach Notos zu sehen. "Meine Vorbereitungen sind beendet. Wir können mit dem Ritual beginnen. Ich würde dich bitten, mit hinein zu kommen und dich aufs Bett zu legen." forderte sie ihn kühl und beherrscht auf. Mit dem Korb in der einen und dem Kohlengefäß in der anderen Hand. Sie deutete mit einer Kopfbewegung auf das Quartier, das er sich ausgesucht hatte. Er war ein Patient und als solchen würde sie ihn behandeln. Es war die einzige Möglichkeit, wie sie ihre Ruhe bewahren konnte. Trotzdem war ein kleiner Groll herauszuhören als sie "Du brauchst dich nichteinmal anziehen." hinzufügte. 


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