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Das Zimmermädchen [FSK18]

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Alina
Gelöschter Benutzer

Kapitel 1, Episode 2

von Alina am 12.10.2016 20:55

Waldorf-Astoria, Fifth Avenue and 34th Street, New York
19th of April, 1920



Quelle des Bildes


Cathy eilt über die Strasse und erschreckt sich, als ein Automobil hupt. Daran muss sie sich erst gewöhnen, denn hier in New York gibt es so viel mehr Automobile als in Baltimore! Sie betritt eine Bäckerei, kauft ein Brot und ein Stück Kuchen und spaziert dann Richtung Bryant Park. Sie muss bis herunter zur 40th Street laufen, aber es lohnt sich nicht für diese Pause in ihre kleine Wohnung zu fahren. Es hat sich bewährt, die zwei Stunden im Park zu verbringen, bevor sie weiterarbeiten muss. Ihre wachen und aufmerksamen Augen schauen immer wieder in die zahllosen Gesichter, die ihr entgegenkommen, doch fast nie ist jemand dabei, den sie vorher einmal gesehen hat. Das war in Baltimore noch anders.

Ja, Baltimore! Sie atmet tief aus, als sie an ihre Heimatstadt denkt, aber es ist kein Heimweh und erst recht kein Bedauern. Sie betritt den Park, geht an dem Enten- und Schwanenteich vorbei und setzt sich auf ihre Lieblingsbank, die erfreulicherweise frei ist. Baltimore, ja Baltimore. Dahin würde sie so schnell nicht zurückgehen, sie wäre schön dumm, wenn sie das täte. Was für ein Drama war es zuletzt gewesen. Ihre Eltern, die Nachbarn, die Familie Richards und sogar die Polizei. Sie war irgendwann Hals über Kopf zum Bahnhof gelaufen und war einfach davongefahren. Man würde wohl nicht nach ihr fahnden, dafür gab es keinen Grund. Aber sie hatte sich nicht zur Verfügung der Polizei gehalten, wie man es ihr angeraten hatte. Dabei hatte sie ihre dummen Fragen schon tausendmal beantwortet, immer wieder. Aber genauso wie ihre Eltern und die Nachbarn hörten sie einfach nicht mit dieser ewigen Fragerei auf.

Es entsprach der Wahrheit, dass sie die letzte Person gewesen war, die den Hausherrn, Mr. Richards zuletzt am Abend noch lebendig gesehen hatte. Das hatte sie auch zu Protokoll gegeben, obwohl sie es jetzt bereute. Damit hatte die ganze Fragerei nämlich erst angefangen. Ob ihr irgendetwas aufgefallen wäre; ob sie sich an irgendetwas erinnern könnte; ob Mr. Richards noch irgendetwas gesagt hätte; ob sie irgendjemanden gesehen hätte, der noch im Haus war oder zu Besuch kam, vielleicht sogar eine Frau. Fragen über Fragen. Cathy hatte schnell begriffen, dass sie schon viel zu viel erzählt hatte. Sie hatte nicht erzählt, dass Mr. Richards, der ehrenwerte Mr. Richards ihr wieder mal auf den Po geklopft hatte. Sie hatte verschwiegen, dass sie diesen Klaps zwar mit einem Grinsen, aber auch der üblichen Warnung kommentiert hatte. Auf den Mund gefallen war sie nicht, auch wenn sie immer Respekt vor Mr. Richards gehabt hatte und auch noch jetzt hat – auch wenn er jetzt tot war, warum auch immer.

Er hatte wohl kurz vorher mit einer Frau verkehrt, bevor er dann nach Angaben des Gerichtsmediziners einen Herzstillstand erlitten hatte. Das war keine Neuigkeit für Cathy, denn sie wusste genau, mit wem Mr. Richards zuletzt verkehrt hatte. Aber das würde sie der Polizei nicht erzählen und erst recht niemals ihren Eltern. Sie würden sie für eine Dirne halten, besonders ihre Mutter würde das tun. Dabei hatte sie sich eigentlich nichts vorzuwerfen. Sie war den Anzüglichkeiten von Mr. Richards lange genug ausgesetzt gewesen, hatte ihn vertröstet, war ihm aus dem Weg gegangen und hatte die Klapse auf den Po stillschweigend hingenommen und es nie an Höflichkeit und Verschwiegenheit fehlen lassen. Nur an diesem einen Tag, da war sie ihm gefolgt und hatte sich nicht verlegen und mit roten Wangen aus seinem Griff gewandt. Sie war ihm in sein Schlafzimmer gefolgt und hatte es selbst dann nicht versäumt, eine letzte Warnung auszusprechen, dass dies sicher keine gute Idee sei. Doch das sah Mr. Richards anders. Er hatte sie genommen, als wäre es eine längst überfällige Selbstverständlichkeit. Und er war grosszügig gewesen, als er ihr danach zehn Dollar zusteckte und schmunzelnd meinte, sie solle sich ein schönes Kleid davon kaufen.

Sie hatte der Polizei nicht mehr erzählt, weil die Männer sie während der Befragung immer mehr bedrängten und weil sie befürchtete, die zehn Dollar wieder herausgeben zu müssen, wenn sie die Wahrheit sagen würde. Und was würden ihre Eltern sagen, wenn die Polizei diese Aussage weiterverfolgen würde und hinterher noch alles herauskam? Oder noch schlimmer, dass man sie am Ende sogar noch verdächtigen würde! Ihr reichte es zu wissen, dass sie nichts mit dem Tod von Mr. Richards zu tun hatte. Und wenn der alte Knacker wirklich wegen ihr einen Herzstillstand erlitten hatte, so war es doch sicher ein schöner Tod gewesen. Sie muss trotz des ernstes Themas kurz lächeln, wenn sie an Mrs. Richards, seine Gattin, denkt. Sie sah aus wie ein Rottweiler. Es war kein Wunder, dass er Cathy nachgestellt hatte. Sie wusste sehr genau, dass es ein tiefer Wunsch von ihm gewesen war, mit ihr zu schlafen und diesen Wunsch hatte er sich immerhin noch erfüllt, bevor der Sensenmann... bevor der Herr ihn zu sich gerufen hatte.

Sie schaut auf eine Ente, die gerade nahe ihrer Bank über den Weg watschelt und pustet eine rote Locke aus dem Sichtfeld. Sie seufzt und lehnt sich zurück. Sie hat plötzlich keinen Hunger mehr und nimmt sich vor, das Stück Kuchen für später aufzuheben, für ihren Feierabend. Man wird sie hier nicht finden, in diesem Moloch, der nur aus den Reichen, Schönen und Abenteuerlustigen wie ihr zu bestehen scheint. Sie kann die Wolkenkratzer sogar über den Baumwipfeln emporragen sehen. Nein, man wird sie hier nicht finden und man wird auch sicher gar nicht nach ihr suchen, aber sie kann auch nicht mehr nach Hause. Dieses Wissen lastet in diesem Moment etwas schwer auf ihrer Stimmung. Sie zieht eine Schnute und steht dann auf, bricht ein Stückchen vom frischen Brot ab und wirft es in kleinen Krummen in Richtung der Ente, die sich sogleich darauf stürzt. Cathy betrachtet es mit einem Lächeln, lässt den Kopf in den Nacken fallen und fängt einige Sonnenstrahlen mit ihrer Nase.


Soundtrack für diese Episode:  Charles Harrison - I'll Be With You In Apple Blossom Time


Antworten Zuletzt bearbeitet am 11.06.2021 11:45.

Alina
Gelöschter Benutzer

Kapitel 1 - New York

von Alina am 12.10.2016 03:24

Waldorf-Astoria, Fifth Avenue and 34th Street, New York
19th of April, 1920

Quelle des Bildes

 

1. Mr. Buchanan

Mister Buchanan hatte das Hotel schon längst verlassen, als Cathy sein Zimmer betritt. Es ist das Zimmer 216 und es kommt Cathy jedes Mal, wenn sie es betritt, ein kleines bisschen grösser vor als die anderen Zimmer, die sie vorher geputzt hat. Liegt es an dem Gebäudeplan, den sie vor kurzem aus Zufall gesehen hatte, als sie dem Manager Mr. Boomer über die Schulter gesehen hatte, als er gerade einem Handwerker etwas erklärte, oder liegt es an dem Wissen, dass Mr. Buchanan ein wohlhabener Mann zu sein scheint? Zumindest das lag auf der Hand: der Mann aus Tennessee konnte nicht arm sein. Überall lagen teure Fachzeitschriften herum, die sich wohl mit der Wirtschaft beschäftigten. Es war auch offensichtlich, dass Mr. Buchanan mit Baumwolle handelte oder sie vielleicht selbst produzierte. Auf dem Tisch lagen achtlos Listen mit Preisen und Bestellungen.

Cathy seufzt und schaltet das Radio ein. Dann beginnt sie damit, den Raum zunächst feucht abzuwischen. Keine Fläche darf sie vergessen. Unter einem Stuhl findet sie ein Büstenhalter, der unmöglich von Mr. Buchanan stammen konnte. Sie überlegt kurz, dann hebt sie ihn auf und legt ihn ordentlich zusammen. Dann überlegt sie wieder und sieht sich um. Sie legt ihn auf den Stuhl, das wird wohl das Beste sein.

Dann widmet sie sich dem grossen, ovalen Spiegel, der nahe einer Wand steht. Sie benutzt eine besondere Lauge, die für Fenster und Spiegel gedacht ist und wischt darüber. Was sie im Spiegel erblickt, hat Mr. Buchanan schon zu dem ein oder anderen Kommentar verleitet, wenn sie sich zufällig begegneten. Sie schaut in grüne Augen, die etwas Katzenartiges haben. Ihre Augen verengen sich, als würde sie prüfend schauen und dann ist es besonders offensichtlich. Sie lächelt sich im Spiegel an. Wenn sie künstlich lächelt, dann wirkt sie wie diese Frauen auf den Titelseiten der Modemagazine, von denen Mr. Buchanan auch welche besitzt und die Cathy sich manchmal heimlich für fünf Minuten anschaut. Wenn sie natürlich lächelt, so wie jetzt, dann sieht sie ganz leichte Grübchen in ihren Wangen, die sie viel sympathischer wirken lassen und keinesfalls wie ein Vamp. Ihr kurzes, gelocktes Haar gibt ihr zudem etwas Spitzbübisches. Es war nicht unüblich hier in New York, so eine Frisur zu tragen. Ihre Mutter jedenfalls würde ihr wohl etwas erzählen. Der Herr Jesus würde so keinen Gefallen an ihr finden. Das gleiche galt auch für ihre Hosen, die sie am liebsten in ihrer Freizeit trug. Auch diese waren dem Herrn ein Graus, wenn sie ihre Mutter fragen würde.

Sie dreht sich und betrachtet sich im Profil. Mit ihren 1,70 Metern war sie nicht gerade klein, ihre Figur konnte man ohne weiteres als weiblich, sogar üppig beschreiben. Mit ihren Brüsten konnte sie durchaus zufrieden sein, wenn sie ihr Gewicht und ihre Statur berücksichtigte. Auf ihrem Dekollete tanzten einige der blassen Sommersprossen, die sich vor allem auch im Sommer auf ihrer Nase wiederfanden. Ihre Haut war hell, fast blass und wenn sie zu fest auf ihren Arm drückte mit einem Finger, so sah man die Stelle noch ein paar Stunden später.

Ja, sie war ganz zufrieden mit sich, wenn sie sich so im Spiegel betrachtete. Dann seufzt sie wieder, schaut auf die Uhr und macht schnell weiter. Wenn sie sich beeilt, kann sie noch eine oder zwei Minuten einen Blick in das neue Magazin werfen, mit einer Frau darauf, die ein wunderschönes Kleid trägt...

 

Soundtrack für diese Episode:  Al Jolson - Tell Me
 

 

Antworten Zuletzt bearbeitet am 21.06.2021 13:39.

Alina
Gelöschter Benutzer

Das Zimmermädchen [FSK18]

von Alina am 12.10.2016 02:30

Hallo, ich heisse Lina und ich habe schon seit längerem eine Idee für mehrere Kurzgeschichten, beziehungsweise Rollenspielepisoden im Kopf. Es geht um ein geheimnisvolles Zimmermädchen, welches natürlich in einem Hotel anzutreffen ist. Ich bin ein wenig von der Figur der Moira O'Hara inspiriert worden (American Horror Story).

moira_klein.png
Quelle des Bildes

Nur der Vollständigerkeit halber möchte ich erwähnen, dass sowohl die Geschichten als auch Rollenspiele unter die FSK18 fallen dürften.

"Rollenspielhimmel" bittet um Triggerwarnungen, daher möchte ich diese neue Regel auch hier umsetzen. Grundsätzlich würde ich darum bitten, diese Geschichte nicht zu lesen, wenn man zart besaitet ist.
Im Einzelnen gibt es in dieser Geschichte Darstellung von Gewalt, Darstellung von sexuellen Handlungen, Hass und Tod. Falls Euch beim Lesen eine Triggerwarnung ins Auge springt, die ich hier vergessen habe, bitte schickt mir eine Nachricht und ich werde sie hier hinzufügen.


Zur Story:

Catherine Hasselmann kommt als Tochter von deutschen Einwanderern zur Welt. Ihre Grosseltern kamen in den 1870er Jahren nach Amerika, liessen sich in Baltimore, Maryland nieder. Dort lernten sich auch ihre Eltern kennen und im Jahre 1901 wird Cathy, wie sie in Kurzform gerufen wird, geboren.
Die Mutter ist strenge Protestantin, der Vater ist jedoch eher weltlich eingestellt. Wie sein eigener Vater, also Cathys Grossvater, so gehören auch die Hasselmanns der deutschen Gemeinde von amerikanischen Siedlern in Baltimore an, der "German Society of Maryland", die ein Jahr vor Cathys Geburt unter anderem von ihrem Grossvater gegründet wird.



Quelle des Bildes

Cathy wächst heran und wird eine hübsche, junge Frau. Sie arbeitet zunächst in privaten Haushalt als Haushälterin, später geht sie jedoch nach New York, um dort als Zimmermädchen in den vielen, grossen Hotels zu arbeiten. Dort verliert sich zunächst ihre Spur und auch der Kontakt zu ihrer Familie reisst dort vollständig ab.

New_York.jpg
Quelle des Bildes (bearbeitet von Alina)


Wer sich für eine Rollenspielepisode interessiert, kann sich gern bei mir melden. Es sollte sich von selbst verstehen, dass ich Cathy spielen werde, weil ich eine Hintergrundgeschichte für sie entworfen habe, die ich im Spiel natürlich berücksichtigen werde und die auch der Grund ist, warum die obige Beschreibung etwas kryptisch ausfällt. Sie ist eine geheimnisvolle Person und wenn überhaupt, so kommt man ihrem Geheimnis nur langsam auf die Schliche.

Wer sich für die Geschichte, aber weniger für ein Rollenspiel interessiert, kann ab und zu vorbeischauen. Ich hoffe, dass bald die ersten Episoden und Kurz-
geschichten fertig sind. Danke für eurer Interesse.
Was noch fehlt, sind die Genres, die ich ansprechen will:
Thriller / Crime / Mystery / Horror / Erotik



Kapitelindex

Kapitel 1 - New York 1920
Kapitel 2 - Chicago 1928
Kapitel 3 - New Orleans 1935
Intermezzo 1 - Rückblick 1903
Kapitel 4 - Pazifik 1943
Kapitel 5 - Hollywood 1955
Intermezzo 2 - Rückblick 1941
Kapitel 6 - London 1963
Kapitel 7 - Paris 1968
Kapitel 8 - Paris 1968
Kapitel 9 - Berlin 1984
Kapitel 10 - Moskau 1992
Kapitel 11 - Zurück in New York 2001

Antworten Zuletzt bearbeitet am 17.03.2023 13:07.
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