Das Zimmermädchen [FSK18]
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Kapitel 6, Episode 6
von Alina am 28.06.2021 10:55The Regent's Park, nahe des Stadtteils Marylebon, London
Saturday, 10th August, 1963
Sie hatte einer Mutter und ihrem Kind den Beutel mit alten Brotresten abgekauft. Das Kind war natürlich nicht begeistert gewesen und so hatte die Mutter den Beutel wieder zurückgezogen. Als Cathy dann noch ein paar Pennies nachgeschoben hatte, rückte sie den Beutel dann doch heraus. Der heulende Quälgeist wurde mit dem Versprechen beruhigt, dass Mama ihm nun eine Zuckerstange kaufen würde und dann hörte Cathy nur noch trotziges Schnaufen und Schniefen. Sie war froh als die beiden ausser Hörweite waren.
Menschen taten für Geld alles. Alles! Cathy hatte das getan, Fred hatte das ebenfalls getan. Sie war bei Fred hängengeblieben weil es so bequem gewesen war. Er konnte vieles besorgen, vor allem LSD und er war nicht eifersüchtig, warum auch immer. Erstens wusste er dass Cathy für Geld mit anderen Männern schlief und zweitens schürfte er immer noch aus seinem eigenen kärglichen Ruhm. Wenn er ein Mädchen mit nach Hause brachte – meist wenn Cathy nicht da war – und ihr die Filmplakate zeigte, auf denen auch – zwar klein aber immerhin – sein Name prangte, dann war es fast sicher dass beide im Bett landeten und sich vergnügten. Cathy war das lange recht. Manchmal kam sie nach Hause – obwohl sie das nie so genannt hätte – und hörte Geräusche aus dem Schlafzimmer. Dann ging sie nochmal aus oder legte sich schlafen. Ein einziges Mal trat sie ein und machte mit. Dort wo sie arbeitete war das sowieso an der Tagesordnung gewesen dass ein Mann mit viel Geld sich gleich zwei Mädchen aufs Zimmer einlud.
Sie schliesst die Augen. Sie sieht Blut, sie spürt Ärger, sie spürt Enttäuschung und noch immer Verwunderung über einen Mann der offensichtlich ihren Reizen genauso verfallen war wie alle anderen Männer. Aber Fred hatte sie ausgenutzt, er hatte sie ausgenommen, er hatte sie bestohlen, er hatte sie in Sicherheit gewiegt – alles Dinge von denen Cathy bis dato dachte dass sie das Patent darauf beanspruchen konnte.
Sie hatte ihm nie verraten woher das Geld kam welches sie einsetzte um sie beide über die Runden zu bringen wenn er wieder mal einen Gelegenheitsjob verloren hatte oder wenn er bei einem Drogengeschäft übers Ohr gehauen worden war, von Leuten die noch cleverer gewesen waren als er. Natürlich verdiente sie auch viel Geld aber er wusste nie was sie damit tat, dass sie auch hier wieder Scheine tauschte bis sie soviel $100 Noten hatte um sich wieder einen Diamanten zu kaufen. Er hatte nicht das Vogelhäuschen im nahen Garten gefunden aber leider Cathys letztes Wäschestück in dem drei kleine Diamanten eingenäht waren. Cathy fiel es irgendwann auf und als sie nachfragte, da sah sie die Lüge in seinen Augen als er es abstritt. Sie erwähnte es auch nicht wieder, auch nicht die Tatsache dass sie Diamanten vermisste. Sie hatte ihn nach einem Wäschestück gefragt und er hatte gewusst was sie meinte.
Sie hatte geplant die Wohnung zu durchsuchen und Fred dann zu verlassen, irgendwann in naher Zukunft wenn es sich anbot. Stattdessen hatte sie noch am gleichen Tag Fusel und eine Stange Zigaretten gekauft, er hatte noch etwas Acid auf Lager und so endete ihre gemeinsame Zeit ganz anders als Cathy es geplant hatte. Sie hatten sich fürchtlich betrunken, alle beide. Und im Rausch der Halluzinogene hatten sie Sex gehabt, oder besser gesagt: sie hatte ihn gefickt wie noch nie und sie hatte ihn betteln lassen bevor sie es tat. Damit hatte sie auch sein Todesurteil unterschrieben denn sie kannte die Regeln nun viel besser. Sie wünscht sich, sie wäre damals bei Joe bereits so schlau gewesen. Sie hätte lange mit ihm leben können, länger jedenfalls. Mit Fred funktionierte es, sie fütterte die Stimmen und Fred blieb verschont, sie liess ihn nicht betteln und verführte ihn nicht. So unproblematisch er beim Sex war, so unproblematisch war Cathy auch. Sie schlief einfach mit ihm und das ging sehr lange gut.
Quelle des Bildes (bearbeitet von Alina)
Es ging gut bis zu jener Nacht in der Cathy so von Sinnen war. Es war ihr nicht genug dass er eh sterben musste. Sie hätte ihren Rausch ausschlafen können, sie hätte an einem ruhigen Tag die Wohnung durchsuchen können und ihn verlassen können. Aber sie hatte seinen Schwanz geleckt wie eine Besessene, sie hatte hineingebissen in das kleine Würstchen, sie war aufgesprungen, als Fred anfing zu brüllen, sie war in die Küche getorkelt und hatte sich den Zeh angestossen und die Schulter auch, sie war noch wütender geworden, sie hatte eine Schere geholt und dann hatte sie ihm die Hände weggeschlagen, ihm die Schere ins Gesicht gehauen und dann hatte sie ihm den Pimmel abgeschnitten. Es war eine scharfe Schneiderschere die sie schon bei kleinen Flickereien verwendet hatte. Sie hatte sie ihm dabei auch eine Klinge ein oder zwei Inch weit in die Scham gerammt woraufhin er bereits wieder angefangen hatte zu schreien, aber bevor er sich von dem Schlag wirklich erholen konnte den Cathy ihm versetzt hatte, war die Sache schon vorbei. Danach ging das Geschrei aber erst richtig los und Cathy hatte sich ein Tablett vom nahen Nachttischchen geschnappt und ihn damit zum Schweigen gebracht. Mit der Schere auf sein Gesicht einzuhacken kam ihr sogar im Rausch zu grausam vor; sie hatte die Schere sowieso fallen lassen, nachdem... sie es getan hatte.
Sie hatte aber den Fleischfetzen mit spitzen Fingern aufgehoben und dann im Klo heruntergespült. Sie hatte das Gesicht dabei verzogen als hätte sie in eine Zitrone gebissen und trotzdem hatte sie grimmig auf das plätschernde Wasser gestiert welches den Fleischfetzen in unerreichbare Gefilde beförderte. Dann hatte sie sich aus unerfindlichen Gründen neben den ohnmächtigen Fred ins Bett gelegt und geschlafen. Das war wohl trotz allem klüger gewesen als Hals über Kopf und im Vollrausch aus der Wohnung zu flüchten. Weiss Gott wo sie dann gelandet wäre – sicher auf Alcatraz oder direkt auf dem elektrischen Stuhl.
Kapitel 6, Episode 5
von Alina am 27.06.2021 01:03Hotel 'Grand Central', 222 Marylebone Rd, Marylebone, London
Saturday, 10th August, 1963
Es schien als hätte sie endlich den Ort gefunden, an dem sie ihre verlorene Adoleszenz nachholen konnte. Es war durchaus ein neuartiges Phänomen dass junge Leute begannen, ihr Erwachsenwerden selbst in die Hand zu nehmen und zu ihrer eigenen Jugendzeit war das absolut undenkbar – aber nun eben doch zum Greifen nah und Cathy hatte zugegriffen, mit beiden Händen. Sie war als Teenager in einen fremden Haushalt gesteckt worden. Sie hatte dort auch gewohnt und sie hatte zu arbeiten, zu lernen, höflich zu sein. Und das hatte sich nicht geändert, im Gegenteil. Immer hatte sie vorsichtig sein müssen, es war nicht leicht zu arbeiten und immer wieder unter Mordverdacht zu geraten und fliehen zu müssen, nur um dann wieder völlig neu starten zu müssen. Dazu gehörte eine Menge Geduld, Intelligenz und vor allem Disziplin. Nein, sie hatte ihre Jugend nicht so geniessen können – nicht so!
Elvis Presley hatte einen tüchtigen Wirbel veranstaltet und zwar nicht nur in den USA, sondern überall in der Welt. Es gab Rock 'n' Roll, es gab Drogen, und um den Spruch zu komplettieren, so stimmte es dass sich die Sexualmoral der Gesellschaft auch änderte. Zumindest stimmte das für manche jungen Leute, solche gesellschaftlichen Änderungen gingen immer langsam vonstatten. Cathy war keine Historikerin aber sie hatte das am eigenen Leib erlebt. Früher wurde man rot und hielt sich die Hände vor den Mund, wenn jemand das Thema "Sex" nur andeutete – heute wurde offen über "das Ficken" gesprochen, wenn auch eher unter den jungen Leuten.
Ihre Gedanken kreisen und wollen sich doch nicht einem wesentlichen Gedanken stellen der immer wieder aufblitzt. Sie war eine Prostituierte gewesen, keine billige Dirne von der Strasse, ganz sicher nicht. Aber sie hatte ihren Körper für Geld verkauft. Damals nannte man solche Dienstleistungen noch nicht Escort-Service – was ja auch schon eine Beschönigung darstellte – sondern hinter vorgehaltener Hand sprach man von einem "Sex-Ring"; so nannten es wenigstens die Zeitungen, wenn wieder "einer dieser Sex Ringe aufflog". Es gab kein Etablissement in dem Cathy arbeitete – dies wäre viel zu gefährlich gewesen. Tanzen oder ihren Körper immer am selben Ort anbieten, das musste früher oder später ins Verderben führen. Stattdessen rief man eine bestimmte Nummer an und bestellte ein Mädchen auf ein bestimmtes Hotelzimmer oder in eine Wohnung. Wieder ging es um Hotels aber es waren doch eher diese bestimmten Hotels, die man nur stundenweise mietete und nicht tageweise. Hier interessierte man sich nur für Geld und nicht für Gesichter. Und erst recht hatte niemand Interesse "den Cops" irgendetwas zu verraten.
Cathy seufzt und steht auf. Sie kleidet sich an und verlässt ihr kleines Zimmer welches sie glücklicherweise ihr Eigen nennen kann. Sie hat kein Brot, aber die Enten im naheliegenden Regents-Park würden sie trotzdem schnatternd begrüssen und herbeiwatscheln wenn sie vorbeikam.
Sie schlendert an den Dorset Square Gardens vorbei und wechselt dann auf die Melcombe Street. Es war mit ihr bergab gegangen. Auf der einen Seite konnte sie das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Sie schlief dauernd mit Männern, sie hörte die Stimmen in diesen Jahren so gut wie nie, sie waren immer satt und mussten nicht drängen und lamentieren. Sie verdiente gutes Geld und führte ein Leben im Schatten. Eigentlich sollte es ein Versuch sein ob man so nicht das ganze weitere Leben gestalten konnte, es würde ihr vielleicht viel Ärger ersparen – so dachte sie zumindest damals. Stattdessen kam es ganz anders und sie hatte mehr Ärger und Sorgen als jemals zuvor.
Kapitel 6, Episode 4
von Alina am 26.06.2021 03:33Hotel 'Grand Central', 222 Marylebone Rd, Marylebone, London
Saturday, 10th August, 1963

Cathy hat es geschafft, endlich Feierabend. Es war dabei geblieben, sie hatte morgen frei. Und es war nahezu garantiert denn noch ein anderes Mädchen hatte frei. Und dieses Mädchen hatte nach ihr angefangen und es gab ein ungeschriebenes Gesetz, dass Mr. Clarke dieses Mädchen fragen würde und nicht sie. So war es eigentlich auch in allen anderen Hotels gewesen. Die Neuen wurden zuerst zurückgeholt wenn sie frei hatten.
Sie kann nicht noch sicherer gehen denn sie kann es nicht an die grosse Glocke hängen, dass sie mit einem Gast ausgeht und dann noch mit Mr. Joseph, einem Minister! Nein, sie muss es darauf ankommen lassen und hoffen, dass alles gutgeht. Morgen um diese Zeit würde es soweit sein!

Sie denkt zurück an Hollywood wo sie viel weniger Charisma angetroffen hatte als sie erwartet hatte. James war noch ein halbes Kind gewesen, trotz seines enormen Erfolges. Ein Star war er gewesen aber vor allem wegen seines Aussehens, seiner Mimik, seiner Schauspielerei. Und dabei handelte es doch vor allem um oberflächliche Attribute. Das traf auf so viele anderen Stars und Sternchen zu. Nur bei den Wenigsten handelte es sich um starke Persönlichkeiten. Drogen, Alkohol und andere Süchte taten ihr Übriges um diesen Eindruck zu verstärken. Viele waren vom frühen Reichtum verdorben oder zumindest konnten sie nicht damit umgehen. James war das beste Beispiel! Wieso war er nur so schnelle Autos gefahren?
Cathy kratzt sich am Kopf. Sie ist zwar etwas erschöpft, aber für eine 62-jährige hält sie sich tapfer. Nicht nur alterte ihr Körper nicht – sie verlor auch nicht an Kraft oder Ausdauer. Alles blieb so wie sie es kannte und wie man es von einer Zwanzigjährigen erwarten würde. Oft fühlte sie sich auch so, sie war begeisterungsfähig wie eine Zwanzigjährige oder wenigstens wie eine Dreissigjährige. Sie war nicht träge und sie würde sich nie über die dumme Arbeit beschweren, die ein neu angestelltes Zimmermädchen verrichten musste. Sie wusste dass sie nie in der Hierachie aufsteigen würde. Sie wusste, dass sie niemals Karriere machen würde. Und das, obwohl sie alle Zeit der Welt zu haben schien. Nein, gerade weil sie alle Zeit der Welt hatte wurde daraus nichts.
Sie streicht gedankenverloren eine Strähne aus ihrem Gesicht. Noch immer hängt sie ihren Gedanken nach. Hollywood... was für ein moralisches Drecksloch war es doch gewesen. Es gab dort jede Menge Haie, aber kaum 'normale Fische' – Glücksritter, aber keine Samariter.
Cathy hatte die dunklen Seiten von Hollywood kennengelernt. Irgendwann Ende des Jahres 1955 hatte sich ein Officer nach ihr erkundigt und sie war wieder geflohen, obwohl sie erst seit einem halben Jahr im 'Beverly Hills' gearbeitet hatte. Wieso, das wusste sie nicht. Sie war sehr vorsichtig gewesen und während ihrer Zeit im 'Beverly Hills' waren zwar fünf Männer gestorben – nachweislich, sie hatte die Todesanzeigen alle gefunden – aber sie war wirklich vorsichtig gewesen. Niemand hatte sie gesehen, die Toten waren keine Stars, es waren sogar alles natürliche Todesursachen gewesen und keine Unfälle, was sogar eher in dieser Häufung nur selten geschah.
Sie wollte damals Hollywood nicht schon wieder verlassen. Zu gross waren die Chancen, hier noch einen grossen Wurf zu landen. Und wo hätte sie auch hingesollt? In Nevada und im Staate Washington war sie noch nicht gewesen aber das wollte sie auch vermeiden wenn irgend möglich, aus wohl verständlichen Gründen. Wüste oder schon fast Kanada. Dafür war sie – noch nicht – bereit. Sie war untergetaucht und erstmals versank sie in einem Sumpf aus Sex, Drogen, zerbrochenen Träumen und vergebenen Chancen. Sie traf damals mehr Glücksritter als echte Stars, Lügner, Betrüger, kleine und grosse Gauner, Taugenichtse und andere Gestalten. Es grenzte an Glück dass sie nicht ihr ganzes Vermögen verlor, aber sie hatte es wieder gut versteckt und es wurmte sie jedesmal wenn sie an ihr eigenes Geld gehen musste, um gewisse Wünsche und Bedürfnisse zu befriedigen. War sie denn nicht in Hollywood und sollten nicht andere für sie zahlen? Stattdessen fand sie sich immer wieder in der Rolle wieder, anderen aus der Patsche zu helfen – oft genug Menschen die es nicht wert gewesen waren und die es sogar schafften, die mit allen Wassern gewaschene Cathy auszunutzen. Das rang ihr zumindest Respekt ab, wenn auch ihre Rache manchmal fürchterlich gewesen war.
Sie hatte aber niemanden umgebracht – nur dafür gesorgt dass Menschen starben, aber das hätte sie ja sowieso getan. Es traf nur selten soviele, die es nach Cathys Meinung auch verdient hatten. Einem Mann hatte sie den Penis mit einer Schere abgeschnitten und danach im Klo heruntergespült. Cathy war nicht bei Sinnen gewesen, aber sie war sehr sicher dass er es verdient hatte. Sie hatte eine Menge Fusel und harte Drogen intus und diese hatten ihr Hirn soweit vernebelt, dass sie dieses hohe Risiko einging. Und nach dieser Sache war dann auch endgültig Schluss, denn sie wusste dass man das Glück nicht allzusehr strapazieren sollte.
Sie war am nächsten Morgen in dieser Wohnung aufgewacht, von einem schreienden Mann geweckt der schon vor Cathys Behandlung kaum bei Verstand war, dann geschrien hatte, dann ohnmächtig geworden war und geschlafen hatte und dann morgens wieder angefangen hatte zu schreien. Ein Wunder dass er nicht verblutet war, aber das lag wohl an seinem kleinen Schwanz der hier ausnahmsweise mal von Vorteil gewesen zu sein schien.
Kapitel 6, Episode 3
von Alina am 24.06.2021 03:57Hotel 'Grand Central', 222 Marylebone Rd, Marylebone, London
Saturday, 10th August, 1963
Soundtrack für diese Episode: Cliff Richard - Summer Holiday

Sie läuft mehr als das sie geht und kehrt eilig zum Hotel zurück, Dort nimmt sie ein schnelles Bad, zieht sich um, schminkt sich wieder dem Rahmen angemessen und dann beginnt auch schon bald ihr Dienst.
Kapitel 6, Episode 2
von Alina am 22.06.2021 21:51Annabel's Night Club, 44 Berkeley Square, Mayfair, London
Friday, 9th August, 1963

Der Club war neu, das konnte sie sehen. Trotzdem hängt der Raum voll mit Rauchschwaden, überall wird geredet und gescherzt, die Atmosphäre ist grandios. Der Club sah bunt und vollgestopft aus mit Dekorationsgegenständen und Flaschen aber die Stoffe an der Wand waren neu, es gab insgesamt wenig Schäden. Auch teure Bars, Casinos und auch Hotelzimmer hatten immer kleine Schäden, die sich nicht immer so leicht reparieren liessen und eine Schätzung auf das Alter des Baus oder wenigstens der letzten Renovierung zuliessen.
Sie hatte vorher 50 Pfund im Casino verloren welches im gleichen Gebäude lag. Trotzdem ist ihre Laune ebenfalls grossartig. Geld war kein Problem mehr, schon seit vielen Jahren nicht mehr.
Auch wenn sie flüchten musste, sie hatte immer genügend Zeit gehabt sich um das Geld zu kümmern. Hier und da hatte sie ein paar kleinere Summen verloren wenn sie Hals über Kopf fliehen musste, aber generell hatte sie immer gute Verstecke für die grösseren Summen. Auch wenn sie flüchten musste, so konnte man auch gern ein paar Wochen später mit dem Greyhound Bus zurückfahren, eine Tasche aus einem Versteck holen und dann wieder schnell zurückfahren. Das war einmal nötig gewesen, damals in San Francisco als sie Jules verlor. Sie musste schnell weg, wirklich schnell. Sie waren gerade erst in San Francisco angekommen und hatten ein kleines Haus gemietet, als die Sache mit dem Arsen schiefging. Leichen zu beseitigen war nie ihr Ding gewesen, sie zog es immer vor zu flüchten. Was sollte man machen? Die Männer waren viel zu schwer! Sollte man die Beine und Arme und den Kopf absägen und alles einzeln wegbringen und vergraben? Und was für eine Schweinerei sollte das geben? Nein, damit will und wollte Cathy nie etwas zu tun haben. Sie trinkt ihren Pimm's Cup leer, bestellt ein neues Glas und zündet sich eine lange Zigarette an.
Sie wohnte ja dann noch drei Wochen südlich von San Francisco und eines Nachts kam sie zurück und holte das Vogelhäuschen, welches sie aufgehängt hatte und welches noch immer dort hing. Das war immer ihr Geldversteck gewesen, wenigstens seitdem sie mit Joe zusammengelebt hatte. Joe und Jules hatten das als Sentimentalität belächelt, aber sie wussten ja auch nicht was unter dem doppelten Boden des Vogelshäuschens schlummerte.
Cathy hatte sich um das Vogelhäuschen gekümmert, Futter ausgelegt und es ab und zu gesäubert, sie reparierte es sogar machmal nur zum Schein. Die Männer sollten nie auf die Idee kommen, eine Hand an das Vogelhäuschen legen zu müssen.
Erst waren es immer grössere Scheine gewesen, die Cathy sorgsam und mit sehr viel Geduld umtauschte wann immer es sich anbot. Sie arbeitete sich hoch von den $10 Noten bis hoch zu den $100 Noten, aber niemals darüber hinaus. Mit $500 oder $1000 Noten wollte sie nichts zu tun haben, das war viel zu riskant. Als das nötig wurde, als die $100 Noten eine Last wurden, da konzentrierte sie sich auf Diamanten. Sie waren klein, konnten sehr gut in Kleidung eingenäht werden und man musste sich nicht fürchten ins Wasser zu springen wie bei ihrer Rückkehr nach San Francisco. Geldscheine mochten Wasser nicht so gern.
Langsam atmet sie den Rauch aus. Was für Zeiten waren das gewesen!
Damals hatte sie noch die Scheine vergraben, in einer Holzkiste. Erst dann war sie mit der "President Grant" nach Hawaii gefahren. Damals war sie recht unzufrieden gewesen. Sie hatte die Scheine in Unmengen von Zeitungspapier und alter Kleidung eingeschlagen und trotzdem waren einige Scheine unbrauchbar. Wären es kleine Scheine gewesen wäre sie diese wohl schon losgeworden, aber wo sollte man vergammelte und stinkende $100 Scheine loswerden? Sie rettete das meiste Geld, aber verlor auch einige Scheine und das sollte ihr eine Lehre sein.
Sie drückt die Zigarette im Aschenbecher aus und schaut sich um. Einige ansehnliche Herren waren hier unterwegs aber bisher hatte sich niemand zu Cathy gesetzt. Sie sind entweder in Begleitung hier oder sie trauen sich noch nicht. Cathy trägt ein extravagantes und sehr teures Kleid, schwarz und eine passende Federboa, ebenfalls in Schwarz. Das schwarze Haarband und der lange Zigarettenhalter vervollständigen das Bild einer Diva aus den Goldenen Zwanzigern, einer Epoche der sie nie ganz entsagen konnte und wollte. Kombiniert mit ihrem roten Haar und dem blassen Teint ihre Haut sieht sie vielleicht zu unnahbar aus, vielleicht zu ambivalent. Denn so kleidete sich kein höchstens zwanzigjähriges Mädchen, es sei denn sie wäre vielleicht steinreich. Cathy lächelt, als sie daran denkt. Steinreich war sie nicht, aber sehr wohlhabend und das ganz ohne Autos, Häuser und Schiffe. Arbeiten müsste sie jedenfalls ihr ganzes Leben lang nicht mehr, das wusste sie. Es war nur ärgerlich dass sie nichts anlegen konnte, einer Bank konnte sie nie trauen. Identitäten konnten ihr Ende bedeuten und wenn sie sich einen neuen Pass zulegen musste, dann war die alte Identität wirklich 'verbrannt'. Schon wegen der Polizei konnte man diesen Namen nie mehr benutzen, das Konto nie wieder leeren.
Kapitel 6 - London
von Alina am 21.06.2021 13:04Thursday, 8th August, 1963

Sie befindet sich in der sechsten Etage, dort wo die Luxuszimmer waren. Von hier aus hat man einen wunderschönen Blick auf das Winter Garden Restaurant unten. Cathy arbeitete hier am liebsten denn hier traf sie das interessanteste Klientel. In London waren die Gäste durchaus vergleichbar mit den USA. Vielleicht nicht mit Hollywood, denn dort hatte sie dauernd prominente Personen getroffen, aber durchaus vergleichbar mit New York. Wie lange das her war! New York... die Goldenen Zwanziger Jahre. Sie streicht sich ihre Kluft glatt und seufzt. Dann putzt sie weiter.
Als sie Schritte hört und sich eine Hand auf ihren Po legt, da hält sie nur inne und zieht die Unterlippe durch ihre Schneidezähne. Die Finger krümmen sich leicht, greifen genüsslich zu. Ihre straffe Haut am Po spannt sich, dann richtet sie sich auf und dreht sich langsam herum. Sie lächelt und legt den Kopf leicht schief.
"Mr. Joseph...", haucht sie und lächelt den Mann an. Mr. Joseph mochte Mitte Vierzig sein und Cathy wusste dass er Politiker war. Er besitzt eine stattliche Figur und harte Züge, die Cathy aber nur sieht wenn er mit anderen spricht. Man merkte ihm an dass er autoritär sein konnte. Er hatte es wohl bis zum Minister gebracht; auch wenn Cathy sich nicht dafür interessierte wofür er zuständig war. Aber sie interessierte dass er ein Faible für sie hatte. Er kam gerne ins 'Grand Central' seitdem Cathy hier arbeitete. Und er liess sie bei jedem einzelnen Besuch spüren dass er sie begehrte. Und dass sich Cathy bisher verweigert hatte, schien ihn nur mehr zu reizen.
Auch wenn sie sich in letzter Konsequenz verweigert hatte, so konnte man nicht sagen dass sie sich züchtig verhalten hatte. Sie mochte seine Mischung aus guten Manieren und mühsam verborgener Gier, die er an den Tag legte wenn sie ihm begegnete. Und sie hatte seinem Drängen dann und wann stattgegeben, allerdings nur eingeschränkt. Er hatte sie bereits küssen dürfen, er hatte sich von hinten an sie gedrückt und ihre Brüste kneten dürfen, sie hatte ihn durch den Stoff der Hose hindurch gestreichelt. Es waren heisse aber an sich bisher harmlose Spielereien gewesen, die aber immer zur Folge hatten dass Joseph fürstliche Trinkgelder springen liess.
Er reagiert indem er auf sie zukommt und wieder die Hände nach ihr ausstreckt. Sie fängt die Hände ab, kann aber nicht verhindern, dass er sie an sich zieht und ihr in die Augen sieht.
"Miss O'Brien, heute weisen Sie mich nicht ab!" Er grinst und zieht sie noch näher an sich, sodass sich ihre Gesichter fast berühren. Er spürt ihre Wärme, atmet ihren Duft ein. Als sie nichts antwortet, geht er rückwärts und schiebt mit dem Fuss die Tür zu, die etwas zu laut zuschlägt.
Seine Finger gleiten hoch bis er ihr volles, rotes Haar spürt. Er leckt sich unwillkürlich über die Lippen. Cathy flüstert: "Sie wissen doch dass es nicht geht, Mr. Joseph..." Sie haucht seinen Namen und grinst ihn an. Sie liebte es zu sehen wie sie ihn verrückt machte.
"Warum sollte es nicht gehen? Ich sehe keinen triftigen Grund", antwortet Joseph und er raubt ihr einen Kuss bevor sie sich wieder lösen kann, leise nach Luft japst und ihn wieder ansieht. Sie muss sich etwas nach hinten drücken damit sie ihn überhaupt ansehen kann.
"Ich rieche nach Schweiss. Ich habe den ganzen Morgen geputzt." Cathy starrt ihn an und er grinst nur. "Gut so! Du wirst gleich noch mehr schwitzen." Sie verdreht lächelnd die Augen und den nächsten Kuss unterbricht sie nicht. Nach dem Kuss macht sie sich aber doch los und er lässt sie auch gehen. Er räuspert sich und sagt: "Ich habe eine Überraschung für dich, Cathy." Während sie nachdenkt und ihn neugierig ansieht, unterbricht er sich selbst und stellt die rhetorische Frage: "Warum haben die Iren nur solche Teufelsweiber auf ihrer Insel?" Für ihn war klar dass sie irischer Abstammung sein musste mit ihrem roten Haar und der blassen Haut. Dass ihre Familie eine oder mehrere Generationen in den USA lebte, was natürlich an ihrem Akzent erkennbar war, zählte für ihn nicht. Cathy schmunzelt nur und sagt nichts dazu. Dann fährt Joseph fort: "Am Sonntag kommst du mit. Wir gehen zusammen in den Covent Garden. Ein buntes Programm wird dort gezeigt."
Er holt plötzlich zwei Karten aus der Tasche und zeigt sie Cathy. "Es ist ein Ballet", fügt er noch hinzu, als wäre das zumindest für ihn eine überflüssige Information. Cathy hebt sofort den Kopf und strahlt ihn an. "Ballet? Im königlichen Opernhaus? Ist das Ihr Ernst?" Er nickt. "Mein voller Ernst. Meine Frau ist verhindert und das macht mir nicht unbedingt viel aus." Er lacht. "Daher bringe ich meine entfernte Nichte aus Irland mit und zeige ihr das grossartige London." Danach trinken wir noch etwas und dann..." Er spricht nicht weiter, aber Cathy weiss was er sagen will. Sie lächelt ihn so an, dass es ihm einfach fällt sich die Freuden vorzustellen die der vorgeschrittene Abend mit sich bringen wird.
Intermezzo 2, Episode 6
von Alina am 15.06.2021 18:46St. Louis, Missouri
11. Dezember 1941, Donnerstag

Sie essen schweigend denn das Hauptthema war noch gar nicht angesprochen worden. Man hatte Floskeln ausgetauscht, Small Talk betrieben, das konnte Nussbaum gut und Clint hatte einen guten Grund sich einmal im Jahr darauf einzulassen.
Sie aßen auf, tranken dabei einen guten Wein, Geld spielte an so einem Abend keine Rolle, obwohl sie nicht ins teuerste Restaurant der Stadt gegangen waren. Nussbaum gefiel es hier, er bezahlte auch immer die Rechnung.
Nussbaum holt ein kleines Scheckbuch heraus und schreibt etwas, dann reisst er das Blatt ab und schiebt es herüber. Clint nickt, es sind die üblichen fünftausend Dollar. Eine riesige Stange Geld im Jahre 1941, aber es hatte ja einen Verwendungszweck. Sein Lohn und seine Aufwendungen mussten davon bestritten werden, ebenso wie der Lohn und die Aufwendungen der Agency. Evans und sein Kollege waren ihr Geld wert. Zusammen arbeiteten sie seit fünf Jahren an dem Fall und niemand machte Druck. Trotzdem war die Motivation hoch, denn bei einer Ergreifung von Cathy winkte ein Batzen Geld, der zumindest ihn dazu befähigen sollte sich zur Ruhe zu setzen – natürlich erst nachdem er den Pulitzer-Preis mit seinem Buch gewonnen hatte! Waikiki, Sonne, exotische Schönheiten und Cocktails aus einer halben Kokosnuss trinken... – oh verdammt! Das würde wohl längere Zeit nicht gehen, er ist gerade sehr froh, jetzt nicht in Hawaii sein zu müssen. Diese verfluchten Japaner!
"Wie steht es denn?", fragt Nussbaum und Clint nimmt sich Zeit, alle Neuigkeiten in einem interessanten Gespräch zu vermitteln. Er hat schon eine kleine Mappe auf den Tisch gelegt, sie beinhaltet geschriebene Blätter mit genau diesen Neuigkeiten. Er flechtet die Neuigkeiten geschickt in den Gesamtkontext ein; Nussbaum will bei der Stange gehalten werden, genau wie die Stiftung, die ihn bezahlt. Er erzählt eine spannende Geschichte, obwohl ihm nur recht alte und trockene Hinweise zur Verfügung stehen.
In diesem Jahr hatte Cathy New Orleans verlassen und war in Houston gewesen, wenigstens bis vor kurzem. Das war mehr als es in den vergangenen Jahren zu berichten gab, fast geradezu ein spannendes Jahr. Die Neuigkeiten schienen recht aktuell zu sein. Auch in den vergangenen Jahren hatte es stetig Neuigkeiten gegeben, aber diese schienen sich immer nur auf die ferne Vergangenheit zu beziehen. Donahan und Evans zogen Verbindungen zwischen Morden wie sie sie nannten, die schon lange zurücklagen, teils zehn bis fünfzehn Jahre. Das war interessant aber spannend war es nicht gerade.
Clint fühlt sich wie Kopfgeldjäger im Wilden Westen der die Banditen verfolgt, weit draussen in der Prärie. Er ist allein und alle Feuer sind schon heruntergebrannt und kalt. Er kann ihnen folgen, doch niemals erblickt er auch nur die Spur einer Staubwolke von flüchtenden Pferden. Diese Cathy musste ein gewieftes Weibsstück sein.
Trotz allem erlahmte Nussbaums Interesse nie, obwohl man ihn auch nicht einwickeln konnte. Er machte sich keine Illusionen dass diese Sache noch lange dauern konnte. Vielleicht würde es noch Jahre dauern. Vielleicht würde es gar noch Jahrzehnte dauern – warum auch nicht? Es dauerte bereits schon zwei Jahrzehnte.
Beide, sowohl Nussbaum als auch Donahan, sprachen niemals darüber dass es ja gar nicht sein konnte was hier geschah. Immer war es ein junges Mädchen, kaum zwanzig Lenze alt. Rote Haare, nun gut. Oft geschahen diese mysteriösen Dinge im Umfeld von Hotels, warum nicht? Aber genauso hartnäckig traten die Tatsachen auf, dass es ein sehr junges Ding war – jung und sehr hübsch. Diese Cathy war mittlerweile wohl über vierzig Jahre alt – sicher noch eine Schönheit aber auch ganz sicher nicht mehr mit einem Backfisch zu verwechseln.
Aber das erwähnen sie nicht. Sie erwähnten es nie. Die Stiftung hatte entschieden dass diese Spuren verfolgt würden bis man eine Erklärung dafür finden würde. Nussbaum nahm das hin und auch Donahan sollte es recht sein denn das Geld floss ja, trotz dieser Widersprüche. Die Stiftung würde auch dafür verantwortlich sein dass die Verfolgung des Falles und die Aufnahme von Beweisen unabhängig davon blieb was die Polizei tat und ob sie den Fall einstellen würde oder nicht. Es war auch egal ob Nussbaum, Donahan oder Evans den Fall verfolgen würden. Die Stiftung hatte nur diesen einen Zweck Hinweise zu sammeln und sie konnte jederzeit jemand anderes damit beauftragen. Einmal im Jahr sorgte sie mit Hilfe von Nussbaum dafür, dass sie alle Hinweise und Spuren bekam. Und selbst Nussbaum war wohl austauschbar.
Ob der Stiftung mal der Gedanke gekommen wäre die Mafia zu fragen, die finden doch immer alle Leute die sie suchen – das hatte Donahan Nussbaum im ersten Jahr gefragt und dieser hatte nur milde gelächelt. Er hatte keine Antwort gegeben aber immerhin hatte Donahan erfahren, wer diese Stiftung ins Leben gerufen hatte. Die Familie des toten Mr. Burns aus Louisville war sehr vermögend und sie hatte die Stiftung gegründet und mit einem Grundkapital versehen. Später war es auch die Familie Richards aus Baltimore und die Familie Buchanan aus Tennessee, die in den Fond der Stiftung einzahlten. Alle hatten ein Interesse daran, dass die Todesfälle aufgeklärt würden und alle hatten verstanden, dass man das weder der Polizei, noch der Zeit überlassen konnte. Selbst wenn die Witwen der verstorbenen Männer ebenfalls gestorben wären, so sollte trotzdem dafür Sorge getragen werden dass eine Aufklärung stattfand. Dies wurde mit der gleichen Ernsthaftigkeit verfolgt und geplant, wie man auch eine Vererbung verfügte.
Für die Mafia war Yale so umgekommen wie es sich in deren Umfeld offenbar gehörte. Und niemand wollte wohl soweit gehen, sich wegen der Aufklärung solcher diffusen Todesfälle, in denen die Schuld dieser Cathy keinesfalls sicher war, mit der Mafia zusammenzutun. So wenigstens erklärte es sich Clint, wenn er darüber nachdachte.
Intermezzo 2, Episode 5
von Alina am 15.06.2021 18:26Baltimore, Maryland
11. Dezember 1941, Donnerstag
Hatte er nicht Cathys Seele verkauft? Hatte er sie nicht irgendjemandem versprochen? Natürlich sind diese Fragen Humbug, aber dass Cathy auf solch wundersame Weise gesund geworden war und keine Schäden zurückbehielt – war das nicht auch ebenso wundersam gewesen?
Er würde nie vergessen, wie er von der Arbeit nach Hause kam an jenem Tage. Er war totmüde, er war abends zuvor in der Mühle gewesen, er war niedergeschlagen worden, er hatte unheimliche Dinge gesehen und gehört, dann hatte er die ganze Nacht am Bettchen seiner totkranken Tochter gewacht und dann hatte er zehn Stunden lang gearbeitet. Als er dann am Abend müde und erschöpft nach Hause kam, lief ihm seine Frau schon weinend entgegen und er befüchtete das Allerschlimmste. Aber sie zog ihn wie von Sinnen ins Haus und zeigte ihm seine Tochter, zwar schweissgebadet vom Fieber und schlafend, aber am Leben. Und nach den Worten des Doktors sollte sich auch daran nichts ändern. Sie schien "über den Berg" zu sein, wie der ebenfalls deutschstämmige Arzt Schorsch in deutscher Sprache versicherte.
Er hatte minutenlang am Bettchen gesessen und geweint. Cathy... sie würde leben! Alles andere war ihm egal, erst mit den Jahren dachte er über die Mühle nach – vor allem dann als Cathy die Familie bereits verlassen hatte.
Er hatte nie mit seiner Frau darüber geredet, niemals. Und das wird er auch nicht tun. Sie würde es nicht verstehen, ihr christlicher Glaube stand ihr dabei ebenso im Weg wie ihre moralische Ader. Für ihn war alles klar gewesen. Seine Tochter würde leben. Wer wäre diesen Handel nicht eingegangen?
Er ertappt sich dabei schon lange auf seine Finger zu starren. Dann ermahnt sich Schorsch selbst. Das war doch alles Humbug! Diese Spinner dort unten am Fluss, sie konnten nichts mit Cathy zu tun haben. Es fiel ihm schon schwer genug die Dinge in der Bibel beim Wort zu nehmen; da konnte er mit dem Geschwätz dieses Möchtegern-Ku-Klux-Klans noch weniger anfangen. Sie hatten nur Unsinn gemurmelt, in einer fremden Sprache und hatten dämliche Kapuzen auf. Nein, das konnte nicht sein. Diese Hampelmänner konnten nichts mit Cathys Verschwinden zu tun haben. Er starrt böse in die Glut und er weiss, dass ihn diese Unwissenheit von innen auffrisst – etwas, was er seiner Frau gern ersparen will.
Intermezzo 2, Episode 4
von Alina am 14.06.2021 14:57St. Louis, Missouri
11. Dezember 1941, Donnerstag

Er war als junger Mann zum Post-Dispatch gekommen und war geblieben, denn er lernte sein Handwerk schnell und gut. Seine Recherchen waren tadellos, die Artikel trotzdem leicht reisserisch geschrieben und gut zu lesen, obwohl er auf Gerüchte verzichtete und sich nur auf Fakten stützte. Das brachte ihm die Anerkennung von Lesern und Vorgesetzten ein und den Neid seiner Kollegen, die den strebsamen Emporkömmling eher nicht mochten. Clint hatte eher wenig Freunde, keine Frau und es lag sicher daran, dass ihm seine Arbeit alles bedeutete während er Small Talk hasste. Geschwätz war ihm einfach zuwider und es vergeudete Zeit. Nur bei einem Interview oder wenn er andere Menschen befragte, dann zwang er sich aufmerksam zuzuhören, auch wenn es Unsinn war den er sich manchmal anhören musste. Aber vielleicht kam eine gute Story dabei heraus, das wusste man vorher nie so genau.
Und seine Kollegen wussten, dass Clint seit einigen Jahren an einem bestimmten Fall sass. Der Herausgeber selbst hatte ihm ein besonderes Projekt anvertraut. Dies stellte ein grosses Privileg dar und natürlich weckte das den Neid der Kollegen. Es ging um Cathy Hasselmann, ein Mädchen aus Baltimore welches mutmaßlich nach New York gegangen war. Von dort aus war sie nach Chicago gegangen aber sie hatte wohl auch Philadelphia, Indianapolis und Louisville besucht und auch dort gearbeitet. Sie war in den Südstaaten gesehen worden, sie schien aber auch längere Zeit in New Orleans verbracht zu haben. Zuletzt hatte man davon gehört dass es in Houston einen Fall gab, der mit Cathy in Verbindung stehen könnte.
Das Muster war immer ähnlich. Ein Mann stirbt, meist in einem Hotel oder kurz nachdem er ein Hotel besucht hatte. Immer spielt dieses rothaarige Mädchen eine Rolle. Immer verschwindet sie rechtzeitig bevor die Polizei alle Beteiligten verhören kann, was für ihn einem Schuldeingeständnis gleichkommt. Aber das ist nur seine persönliche Meinung – um einen Pulitzer-Preis zu gewinnen, braucht es freilich mehr als nur Vermutungen.
Und nun würde er sich mit einem Anwalt treffen. Jedes Jahr, oft im Dezember, aber auf jeden Fall am Ende des Jahres traf er diesen Anwalt, den er als Mr. Nussbaum kannte. Diese Treffen jährt sich heute Abend zum fünften Male.
Er schaut in den Spiegel auf der Toilette und zieht sich die Krawatte gerade. Nussbaum war ein sehr pingeliger Mann und es ging um Geld. Es lohnte sich nicht, ein Risiko einzugehen und allzu leger zu erscheinen. Dann geht Donahan los und schliesst die verglaste Tür des Büro klirrend hinter sich.
Intermezzo 2, Episode 3
von Alina am 13.06.2021 14:30Baltimore, Maryland
11. Dezember 1941, Donnerstag

Cathy, ihre geliebte Cathy, war jetzt schon seit über zwanzig Jahren verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Zweiundzwanzig Jahre waren es sogar, um ganz genau zu sein. Eine Mutter wusste so etwas immer ganz genau. Und auch über Cathy stand vor kurzem etwas in der Zeitung. Nach ihr wurde nun bundesweit gefahndet, vom FBI. Inge kann ihre Tränen nicht zurückhalten, ihre Augen füllen sich in Sekundenschnelle. Der Mann im Schaukelstuhl verschwimmt, der einzige Mensch auf der Welt der Cathy genauso abgöttisch liebt wie sie.
Diese dumme Geschichte mit Mr. Richards hing Cathy immer noch nach. Warum war sie auch Hals über Kopf geflohen, wie eine Diebin? Sie hatte doch nichts getan! Jugend war so ungeduldig, Inge schüttelt noch immer fassungslos den Kopf wenn sie daran dachte, auch nach all den Jahren. Cathy hatte flapsig geantwortet, dass sie "die dummen Fragen" nicht mehr weiter beantworten wollte. Inge verstand es, aber Recht und Ordnung musste doch sein, erst recht wenn man mit der Polizei zu tun hatte. Aber Cathy entzog sich weiteren Verhören und floh, ob zu Fuss oder per Zug, niemand wusste es.
Zweiundzwanzig Jahre. Und sie wurde bundesweit gesucht, angeblich "zog sie eine Blutspur hinter sich her", so martialisch drückten sie es aus. Das war absurd. In New York war ein Mann aus dem Fenster gefallen, damit sollte Cathy etwas zu tun haben. Damit hatte wohl alles angefangen. Wo immer sich eine Cathy Hasselmann oder Cathy O'Donovan aufgehalten hatte, starben Menschen unter ungeklärten Umständen. Es gab auch eine Phantomzeichnung, die Cathy mehr schlecht als recht darstellte. Sie sah unnahbar aus, fast gnadenlos, wie man sich Verbrecher eben vorstellt. Mit Cathy hatte sie jedenfalls nichts zu tun, diese unsägliche Zeichnung. Photos gab es von ihr nicht, das hatte die Polizei schon längst festgestellt. Auch hätte sie, genauso wie Schorsch, sicher nicht dabei geholfen, ihre Tochter zu finden. Sie hätten kein Photo freiwillig herausgegeben. Die Polizei hatte danach gesucht, aber vergeblich. Natürlich wollten sie ihre Tochter wiedersehen, aber nicht so. Sie würden ihre Tochter nie verraten. Das Schlimme war jedoch, dass es nichts gab was sie verraten konnten. Sie wussten weniger als die Polizei.